Romanfiguren entwickeln – 8 hilfreiche Herangehensweisen

Vielleicht weißt du nicht mehr genau, wie Harry Potter gegen Voldemort gekämpft hat. Aber den kleinen Zauberer mit der Narbe auf der Stirn kennst du ganz gewiss noch. Möglicherweise hast du kein einziges Abenteuer von James Bond im Kopf. Doch der zeitlose Geheimagent ist dir dennoch ein Begriff. Vielleicht sind dir alle Kriminalfälle, von denen du mal gelesen hast, wieder entfallen. Sherlock Holmes, Miss Marple oder Columbo sind dir sicherlich dennoch nicht fremd.

Du merkst: Die Hauptfigur einer Geschichte bildet ihren Kern und ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass sich der Leser mit dieser verknüpfen kann. Beim Romanschreiben solltest du ihr deshalb besondere Aufmerksamkeit schenken.

Doch wie genau entwickelst du faszinierende Romanfiguren?

Quellen für interessante Figuren

Bevor du eine Romanfigur im Detail entwickeln kannst, brauchst du eine Idee. Am wichtigsten hierfür ist es, aufmerksam durchs Leben zu gehen. An allen Ecken warten Anregungen auf dich, aus denen vielleicht schon bald deine nächste Hauptfigur hervorgeht.

Passanten

Egal, ob beim Bahnfahren, in der Fußgängerzone oder im Supermarkt – überall da, wo viele Menschen sind, sprudeln Inspirationsquellen:

  • Was hat es mit der Dame im Pelzmantel auf sich, die vor dem Regal mit Computerzeitschriften steht?
  • Für wen kauft der Herr im Hawaihemd Champagner und Fenchel?
  • Welchen Traum verfolgt der kleine Junge im Einkaufswagen, der mit seinen strahlend blauen Augen in die Luft starrt?

Sobald dir jemand interessant erscheint, halte deine Eindrücke in einem Heft oder als akustische Sprachnotiz fest. Sie sind deine Ideenkeime, aus denen später ganze Bücher erwachsen.

Archetypen

Es gibt in der Literatur Figuren, die immer wieder vorkommen. Dies bedeutet keinesfalls, dass diese über keinen eigenen Charakter verfügten. Sie nehmen viel mehr eine bestimmte Rolle ein und lassen sich jenseits ihrer einzigartigen Persönlichkeit einem bestimmten Typus zuordnen – wie etwa Liebende oder Narren.

Diese Figurentypisierungen gehen auf die Mythologie zurück und sind im kollektiven Bewusstsein der Mensch verankert. In diesem Sinn lassen sich Archetypen unterscheiden, die eine gute Ausgangsbasis zur Entwicklung von Romanfiguren sein können. Informiere dich über die unterschiedliche Archetypen und lass dich von ihnen zu eigenen Figuren inspirieren.

Romane und Filme

Auch das Lesen von Romanen kann dich spielerisch auf eigene Ideen bringen. Damit ist keine Me-too-Literatur gemeint, es geht also nicht darum, die Schöpfungen anderer Autoren zu kopieren.

Frag dich lieber, was genau dich an bestimmten Figuren fasziniert:

  • Ist es ihre Widersprüchlichkeit?
  • Ihr extremer Charakter?
  • Eine besondere Erfahrung, die sie für immer geprägt hat?

Entwickle nun aus deinen Erkenntnissen eigene Ideen für Romanfiguren.

Diese Methode lässt sich auch beim Filmschauen anwenden. Hier kannst du in der gleichen Zeit mehr Figuren kennenlernen als beim Lesen. Allerdings solltest du besonders darauf achten, nicht in eine reine Konsumhaltung zu verfallen, sondern dich tatsächlich inspirieren zu lassen.

Historische Persönlichkeiten

Nicht nur für Autoren historischer Romane lohnt sich ein Blick in die Menschheitsgeschichte.

Drei Gründe dafür, weshalb hier fesselnde Geschichtenkeime verborgen sind: Viele strahlende Persönlichkeiten haben auch ihre Schattenseiten. Manch ein Triumph ist auf der Basis bitterer Niederlagen entstanden. Und nicht wenige Helden enden tragisch.

Welche Epoche interessiert dich? Welche Persönlichkeiten hättest du gerne einmal getroffen, um dich mit ihnen zu unterhalten? Was genau fasziniert dich an ihnen?

Entwickle auf der Basis deiner Antworten Romanfiguren!

Herangehensweisen zur Entwicklung von Romanfiguren

Du hast nun eine grobe Idee, über wen du schreiben möchtest. Doch wie formst du aus deiner schematischen Figur einen lebendigen Charakter, für dessen Geschichte sich die Leser interessieren? Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, hier kommen die wichtigsten.

Charakterbögen erstellen

Beim Klassiker unter den Methoden zur Figurenentwicklung hältst du die wichtigsten Merkmale, Eigenschaften und sozialen Beziehungen deiner Figur fest. Wie detailliert du dabei vorgehst, was du berücksichtigst und was nicht, entscheidest du.

Wichtig: Bewahre dir eine gewisse Flexibilität, gestehe dir ein, einzelne Punkte später wieder zu ändern. Manchmal lernst du deine Figuren erst während des Schreibens richtig kennen.

Was genau du in deinen Charakterbogen aufnimmst, ist dir überlassen. Als Merksatz gilt: Verfahre eher exemplarisch als nach dem Prinzip der Vollständigkeit. Dazu ein Beispiel: Es geht nicht darum, alle möglichen Speisen zu notieren, die dein Held mag oder nicht. Finde besser eine einzige, die er liebt, und eine, die er auf den Tod nicht ausstehen kann.

Interviews führen

Unterhalte dich mit deinen Romanfiguren. Stell ihnen alle Fragen, die dir dabei helfen könnten, sie und ihre Geschichte besser zu verstehen.

Versetze dich bei den Antworten deiner Figuren in sie hinein. Äußere dich so, als ob du sie wärst. Oder noch besser: sei deine Figur. Sprich mit ihrer Stimme. Denke ihre Gedanken. Fühle das, was sie fühlt.

Einfach drauflos schreiben ist die beste Methode, um hierbei nicht zu verkopfen. Es geht nicht um wahr oder falsch. Es geht darum, dich in deine Figur hineinzuschreiben und sie so besser kennenzulernen.

Nicht zuletzt wird dir dies auch gelingen, indem du auf ihre Art zu antworten achtest:

  • Wo gibt es Widerstände?
  • Worüber redet sie gerne?
  • Sagt sie die Wahrheit?
  • Welche Träume hat sie?
  • Und was ist ihre größte Angst?

Aus der Perspekive deiner Figur

Sobald du ein gewisses Gespür für deine Figuren erlangt hast, kann diese Methode zum Einsatz kommen. Monologisiere aus der Perspektive deiner Figur – worüber ist erst einmal nicht so wichtig. Lass den Stift einfach über’s Papier fließen und schau, was passiert.

Mögliche Themen könnten sein: Ansichten über das eigene Leben, die politische Weltlage, Ess- oder Kochgewohnheiten, Meinungen zu Stars und Sternchen, Reiseerfahrungen, das Liebesleben, der Beruf und so weiter – eben alles, wozu deine Figur etwas sagen kann.

Erinnere dich immer wieder daran, deine Romanfigur selbst sprechen zu lassen. Dies gilt sowohl für ihre Meinung als auch für die Wortwahl, den Grad an Humor oder Ernsthaftigkeit, den Sprachstil und so weiter.

Plots schreiben

Was war zuerst da: die Figur oder die Story?

Diese Frage verweist auf eine typische Henne-Ei-Problematik. Dein Held und seine Geschichte sollten aufs Engste miteinander verknüpft sein. Das eine geht aus dem anderen hervor. Undzwar wechselseitig.

Diese Erkenntnis lässt sich dafür nutzen, deine Hauptfigur weiterzuentwickeln. Sobald du die groben Eigenschaften deiner Romanfigur kennst, kannst du damit beginnen Geschichten zu ihr zu erfinden. Du musst dabei nicht gleich die fertige Handlung deines Romans zu Papier bringen. Hilfreicher ist es, spielerisch vorzugehen und aus den Storyideen wieder Rückschlüsse auf die Figur zu ziehen.

Folgende Fragen helfen dir dabei, Plotideen zu entwerfen, die zu deiner Romanfigur passen:

  • Welche Geschehnisse würden deine Figur aus ihrem gewohnten Leben herauskatapultieren, auch wenn sie dies eigentlich nicht möchte?
  • Welches Abenteuer würde deine Figur vor eine echte Herausforderung stellen?
  • Was würde es deiner Figur ermöglichen, alte Wunden zu heilen?

Entwerfe unterschiedliche Storys, die zu deiner Figur passen und überlege dann:

  • Welche davon reizt dich besonders?
  • Gibt es bestimmt Merkmale deiner Figur, die hier vor allem zur Geltung kommen?
  • Was folgt daraus für ihre Persönlichkeit?

Welche Spur möchtest du nun weiterverfolgen und welche verwerfen?

Das Verhältnis der Figuren zueinander

Lebenserfahrungen prägen unsere Persönlichkeit. Unsere Beziehungen spielen dabei eine große Rolle. Der Mensch ist ein soziales Wesen, um ihn zu verstehen müssen wir auch sein Verhältnis zu anderen Menschen beleuchten.

Wollen wir lebendige Romanfiguren erschaffen, gilt dies auch hier. Wir können sie dementsprechend nicht isoliert von anderen Figuren beleuchten. Vielmehr sollte das Verhältnis der einzelnen Romanfiguren zueinander eine wichtige Rolle bei der Figurenentwicklung spielen.

Fasse unterschiedliche Lebensbereiche ins Auge, zum Beispiel die Famlie, Bekannte oder berufliche Kontakte und halte fest, wer für deine Figur jeweils von Bedeutung ist.

  • Welche Beziehungen haben sie geprägt und zu dem gemacht, was sie heute ist?
  • Welche Feinde und Gegenspieler stehen deiner Figur gegenüber?
  • Welche Freunde und Unterstützer hat sie?

Eine schöne Methode, um das Figurentableau deines Romans greifbar zu machen, ist eine Art Aufstellungsarbeit. Notiere den Namen jeder Figur auf ein Kärtchen und ordne diese um deine Hauptfigur herum an. Achte dabei auf den Abstand der Kärtchen und darauf, wie diese zueinander liegen.

Stell dich nun auf einzelne Kärtchen und versetze dich in die jeweilige Figur hinein. Blick aus dieser Perspektive auf deine Hauptfigur:

  • Was für einen Menschen siehst du?
  • Wie würdest du ihn beschreiben?
  • Was denkst du über ihn?
  • Was fühlst du?

Geh am besten alle Positionen durch und beleuchte so deine Figur von den unterschiedlichsten Seiten. Verändere bei Bedarf die Position der Kärtchen. Halte schließlich die Erkenntnsise für deine Romanfigur fest, indem du sie auf dem Charakterbogen notierst.

Die Biographie der Figur schreiben

Um zu verstehen, wie deine Figur zu dem geworden ist, was sie ist, lohnt ein Blick auf ihre Lebensgeschichte. Die Story hinter der Story beinhaltet alles, was deinen Helden geprägt hat. Auf diesen Erfahrungen basiert die eigentliche Romanhandlung, hier liegt die Energie verborgen, aus der sich der Wille deiner Romanfigur speist.

Fang am besten bei der Geburt deines Helden oder sogar beim Leben seiner Vorfahren an. Vergiss für einen Moment alle Tipps, wie du spannend in eine Geschichte einsteigst. Darum geht es hier nicht. Notiere lieber chronologisch, was dein Held in seinem Leben erlebt hat, welche Orte, welche Menschen, welche Erfahrungen ihn besonders geprägt haben. Versuche dabei, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Figuren graphisch darstellen

Umso lebendiger unsere Figuren vor unserem geistigen Auge erscheinen, umso besser können wir sie auch dem Leser in der Geschichte näherbringen. Manch einem hilft es dafür, Romanfiguren erst einmal zu zeichnen, anstatt sie zu beschreiben.

Du musst dich dabei für eine bestimmte Statur, die Kleidung die Gesichtszüge und so weiter entscheiden. Zugleich eröffnest du einen intuitiven Zugang zu ihnen.

Du kannst gar nicht zeichnen?

Macht nichts!

Es geht nicht darum, ein Kunstwerk zu erschaffen, sondern deine Figur besser kennenzulernen. Allein der Versuch sie graphisch darzustellen, wird dich dazu zwingen, dich auf eine neue Weise mit ihr auseinanderzusetzen.

Typische Tagesabläufe

Es müssen nicht immer gleich die ganz großen Konflikte, Ängste oder Träume deiner Romanfigur sein, nach denen du forscht. Auch ein Gespür für ihr alltägliches Leben bringt dich ihr ein Stück näher.

Frage dich:

  • Wie tickt dein Held im Alltag?
  • Welche besonderen Angewohnheiten hat er?
  • Wie sieht ein gewöhnlicher Tag bei ihm aus?

Erstelle einen Tagesablauf deiner Romanfigur, schreib Notizen oder Einkaufszettel, die sie geschrieben haben könnte und fertige Listen an, die ihre Eigenarten beschreiben:

  • Welches sind ihre 10 dümmsten Missgeschicke?
  • Die 8 größten Fehlkäufe?
  • Die 12 lustigsten Filme, die sie je gesehen hat?

Blicke auf die Banalitäten des Alltags, bis dir deine Figur so vertraut ist, als wäre sie ein guter Freund von dir aus Fleisch und Blut.

Romanfiguren auf deine eigene Weise entwickeln

Es gibt viele Wege, um Romanfiguren zu entwickeln, und dabei sicherlich nicht den einen richtigen. Welche Vorgehensweise passt am besten zu dir und deinem Projekt?

Methoden der Figurenentwicklung anwenden

Dein Ziel sollte es sein, den für dich passenden Weg der Figurenentwicklung zu gehen. Probiere unterschiedliche Methoden aus und kombiniere sie miteinander. Ein Charakterbogen sollte dabei in jedem Fall ein Bestandeil sein, den du während des Prozesses immer wieder ergänzen und überarbeiten kannst.

Offen bleiben

Auch wenn die Charaktere die Basis deiner Geschichte bilden, solltest du es mit ihrer Entwicklung vor dem eigentlichen Schreiben auch nicht übertreiben.

Selbstverständlich kannst du deine Figuren überhaupt nicht gut genug kennen. Doch manchmal gelingt es nicht, sie tatsächlich weiterzuentwickeln, ohne mit dem eigentlichen Schreiben zu beginnen.

Du solltest also flexibel bleiben und ihnen die Chance geben, sich selbst zu entwickeln, statt ihnen mehr oder weniger beliebige Eigenschaften zuzuweisen.

Figurenentwicklung als Teil des Schreibprozesses

Manchmal entgleiten uns die Geschöpfe unserer Fantasie führen uns an der Nase herum. Wir haben uns eine so tolle Geschichte ausgedacht und auf einmal wollen unsere Figuren etwas ganz anderes als wir.

In solchen Erfahrungen steckt meist ein wichtiger Hinweis auf Schwachstellen deiner Story. Sieh sie als Chance, die Charaktere und die Romanhandlung wieder in Einklang zu bringen.

Romanfiguren entwickeln – dies lässt sich nicht vollständig vor dem Schreiben erledigen. Es ist erst abgeschlossen, wenn du alle Seiten deines Romans geschrieben und final überarbeitet hast.

Welche Erfahrungen hast du beim Entwickeln von Romanfiguren gemacht?

5 Kommentare, sei der nächste!

  1. Eine Figur ist charakterisiert, wenn sie etwas will. Nur das EINE (!), aber das um jeden Preis. Beispiel: Eine Frau liebt Kinder. Sie liebt sie so sehr, dass sie um jeden Preis Kinder haben will, und wenn sie dafür anderen ihre Kinder wegnehmen muss. Und sie ist so vernarrt darin und tut es so subtil, dass sie selbst keinen Zweifel hat, dass es richtig ist, was sie tut. Zweites Beispiel: Ein Mädchen sieht einen Hund und will ihn haben. Um jeden Preis. Und wenn sie dafür zu Lügen, Erpressung, Brandstiftung oder was auch immer greifen muss, sie will ihn um JEDEN Preis haben. Schon ist die Figur interessant, und es ergibt sich fast von selbst eine Handlung. Wenn die Figur dann noch EINE (!) besondere Fähigkeit hat, z.B. jedes Rätsel im Nu zu lösen, oder mit bloßen Händen und Füßen jede Wand hinauf klettern zu können, um so besser.

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Du weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass die Figur etwas will. Das kann ich vollkommen unterstützen. Alles ist das jedoch keinesfalls. Zumindest nicht in jeder Art von Literatur. Es sei denn, man verzichtet auf lebendige Figuren und entscheidet sich für Pappkameraden. Herzliche Schreibgrüße! Andreas

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