Wie du Leser mit Worten verführst

Schreiben und Verführung – Was hat das miteinander zu tun?

Jede Menge!

Die Magie des Schreibens verführt dich als Autor dazu, immer weiterzumachen. Lustvolles Schreiben bringt dich am Ende zu besseren Texten. Und ein gelungener Text verführt den Leser dazu, ihn bis zum Ende zu lesen.

Karen Christine Angermayer zeigt in ihrem Schreibratgeber Writing the Sexy Way, was Schreiben und Sex miteinander gemeinsam haben. Die folgenden drei Schreibanlässe daraus lassen dich Schreiben als Teil einer Verführung erleben. So spürst du Lust beim Schreiben und deine Texte werden von Mal zu Mal besser.

Ideenfindung durch Elefantenjagd

Sie ist eine der gefürchtetsten Krankheiten unserer Zeit: Die Aufschieberitis. Ganze Bücher wurden bereits verfasst, um sie uns zu erklären und uns von ihr zu heilen.

Wenn uns etwas Probleme bereitet und uns vor Herausforderungen stellt, neigen wir dazu, der Sache auszuweichen. Beim Schreiben ist das nicht anders als sonst. Wir schieben den ungeliebten Text so lange vor uns hin, bis es nicht mehr anders geht: Morgen muss der Artikel veröffentlicht oder das Manuskript eingereicht werden.

Also sitzen wir am Abend vor der Abgabe vor dem Bildschirm und auf einmal schreiben wir einfach drauflos. Gar nicht so schwer.

Was ist passiert?

Wir haben auf einmal ein klares Ziel vor Augen, was zu tun ist, und dazu den nötigen Druck, es zeithnah erreichen zu müssen.

Karen C. Angermayer stellt in ihrem Ratgeber eine Übung vor, die denselben Effekt hat. Zugleich heilt sie uns aber vor der Aufschieberitis. Der Druck wird hier nämlich einfach künstlich erzeugt. Und das Beste daran: Diese Medizin tut nicht weh und macht dazu auch noch Spaß.

Notiere die Zahlen 1 bis 20 auf einem Blatt. Nimm dir eine Uhr. Stoppe die Zeit: Du hast genau drei Minuten.

Finde nun 20 mögliche Antworten auf die Frage: Wie fängt man einen Elefanten?

Du wirst sehen: Statt dein Vorhaben länger aufzuschieben, bist du in Sekundenschnelle wieder im Arbeiten. Kein Wunder, schließlich läuft die Zeit ab.

Stoppe nach genau drei Minuten und betrachte, was du geschafft hast. Es ist nicht schlimm, wenn du keine 20 Möglichkeiten notiert hast. Selbst, wenn es nur eine einzige sein sollte, ist das immer noch mehr als nichts. Gratuliere dir dazu, das Aufschieben besiegt zu haben.

Die Elefantenjagd ist im Übrigen nur ein Beispiel. Du kannst alles Mögliche dafür einsetzen, je nachdem woran du gerade arbeitest: 20 Titel für deine Hausarbeit, 20 Höhepunkte für deinen Roman, 20 mögliche Einstiege in deinen Artikel.

Nutze diese lustvolle Medizin so oft du eine Idee brauchst und die Sache vor dir hinschiebst. Wähle am Ende die verführerischte deiner Ideen und nutze sie für deinen Text!

Spannungsaufbau durch Schneiden und Legen

Wie bei jeder eleganten Verführung ist es auch bei guten Texten: Sie nehmen dich bei der Hand und lassen die Spannung so lange ansteigen, bis ein Maximum an Lust entsteht.

Damit das klappt, ist es wichtig weder mit der Tür ins Haus zu fallen noch bei Adam und Eva zu beginnen.

Finde stattdessen eine Struktur, die den Leser durch den Text zieht.

Das gilt im Übrigen für alle möglichen Textformen, ganz egal ob Kurzgeschichte, Roman oder Sachtext. Die Entscheidung, was an welcher Stelle stehen soll, hängt nämlich allein von einer Sache ab: Wie passt der Aufbau am besten zu deinem Anliegen und erzeugt so die stärkste Wirkung?

Ein zu enger struktureller Rahmen kann deine Kreativität und Assoziationskraft behindern. Es besteht die Gefahr, dass kein Schreibfluss entsteht. Ohne überzeugende Sturuktur wiederum gelingt kein wirkungsvoller Spannungsbogen. Das langweilt am Ende den Leser. Dann ist die Verführung gescheitert.

Die folgende Übung schlägt Angermayer vor, um einen wirkungsvollen Aufbau zu erreichen und zugleich flexibel zu bleiben. Sie ist in den unterschiedlichsten Phasen des Schreibprozesses einsetzbar und dies macht sie so mächtig.

Nimm z.B. deine Ideensammlung oder deinen Text in Papierform zur Hand und schneide das Blatt in einzelne Teile. Je nachdem, wie weit du bist, können dies einzelnen Ideen, Gliederungspunkte, Kapitel, Unterkapitel oder fertige Absätze sein.

Räume einen Tisch frei, so dass du die einzelnen Teile anordnen kannst, wie es dir gefällt. Spiele nun mit den verschiedenen Optionen. Was soll an den Anfang, was an den Schluss? Welches könnte der Höhepunkt deines Textes sein? Probiere Verschiedenes aus und experimentiere ein wenig herum. Sollte an der ein oder anderen Stelle noch etwas gekürzt werden? Müsste noch ein Teil hinzukommen? Das Kriterium bei der Anordnung sollte immerzu sein: Was passt am Besten zu deinem Text und macht ihn am wirkungsvollsten?

Wenn du eine Struktur gefunden hast, die dich überzeugt, dann mach dich wieder ans Schreiben. Auch jetzt muss der Aufbau deines Textes noch nicht perfekt sein. Du kannst jederzeit wieder die Schere in die Hand nehmen, um ihn noch wirkungsvoller zu machen.

Überarbeitung durch Ebenenwechsel

Die perfekte Verführung in Textform schreibt sich selten in einem Guss. Doch beim Lesen sollte es sich so anfühlen. Damit das klappt, ist meist eine wiederholte Überarbeitung nötig.

Das klingt erstmal wenig lustvoll, sondern eher nach trockener Arbeit?

Angermayer zeigt, wie wir eine Art Zoomobjektiv aufsetzen können, um an unseren Texten zu feilen. Die scheinbar undurchdringbare Buchstabenwüste wird so handhabbar, indem wir den Text abwechselnd als Ganzes, Absatz für Absatz, Satz für Satz oder Wort für Wort betrachten.

Der Vorteil an diesem Verfahren: Wir können uns ganz nach Belieben stärker in den Text hinein- oder aus ihm herauszoomen. So wird aus der einschüchternden Aufgabe, das große Ganze zu überarbeiten, das lustvolle Bedienen des Zoomobjektivs. Und falls es doch einmal trocken werden sollte, kann man sich immer noch damit trösten, dass dieses Verfahren zumindest die Lust des zukünftigen Lesers beträchtlich steigert.

Mehr Lust beim Schreiben und Lesen

Die drei Beispiele führen exemplarisch vor, was Schreiben mit Verführung zu tun hat. In Angermayers Ratgeber finden sich 33 solch lustvoller Übungen, die dein Schreiben voranbringen.

Sicherlich ist nicht jede Übung für jeden gleichermaßen geeignet. Dafür sind die Herausforderungen beim Schreiben aber auch zu persönlich. Jeder wird hier jedoch sicherlich zahlreiche Anregungen dafür finden, die eigenen Texte für den Autor und den Leser lustvoller zu gestalten.

Hier geht es nicht um Regeln, die dir sagen, wie du zu schreiben hast. Vielmehr geht es um deine Entwicklung als Autor. Writing the Sexy Way hat damit die Kraft, das Schreiben für dich und deine Texte für deine Leser verführerischer zu machen.

 

Writing the Sexy Way ist bei BalboaPress erschienen und unter anderem für 6,49 Euro als E-Book erhältlich.

 

 

Und wann spürst du Lust beim Schreiben oder beim Lesen?

7 Kommentare, sei der nächste!

  1. Zum Lesen fehlt mir oft die Zeit, aber ich weiß, wie wichtig das ist, weil ich weiß, was ich heute weiß, habe ich mir oftmals angelesen, in der Jugend, aber auch in der jüngeren Vergangenheit. Jetzt will ich ja wissen, bekommt ein Autor, der etwa mein Leve hat, drei fertige Bücher, bekommt der eine spannende Geschichte hin, die nur um ein Leben geht, um ein Abschnitt, eine Episode. Tote scheinen mir bislang einfach zu sein, ja es geht.
    Lust am Schreiben, wenn ich eine Idee habe, die Ruhe, den inneren Druck. Termine habe ich noch nicht, oder ich bestimme sie selbst, da ist aber kein Druck drin. Sicher würde es mir wie den Meisten gehen, und sicher werden die Übungen dann helfen. Wie dein Buch nicht notwendig war, dennoch sehr lehrreich, ich schicke dir demnächst mal Gedanken dazu, Schreiben geht bei mir jetzt, leicht, wie ein Fluß befreit bergab fließt, wenn er den Damm gebrochen hat. Und wenn das Flußbett ihn zwingt langsamer zu fließen, dann ist das eben so.
    Im Gegenteil, ich bin neugirig und gespannt, ob ich das hinbekomme, was ich da vorhabe, nur eine Idee, einen Plott, aber ist das wirklich Mord, oder wie werde ich ein Ende finden, mal sehen.

  2. Lieber Andreas, ich freue mich sehr, dass ich durch mein Buch und meine Tipps hier einen Beitrag leisten durfte 🙂 Ganz viel Freude Dir und Euch allen, liebe Leserinnen und Leser, beim Schreiben und Entwickeln Eurer eigenen Kraft auf dem Papier!

  3. Also nun auf diesem Weg die Kurzgeschichte.

    Die letzten Weihnachten

    Timm nahm das Papier, die Seiten, die mit ihrer krakeligen Schrift beschrieben waren in die Hände und begann zu lesen.
    Erst wollte er gar nicht suchen, ihren Kram nicht Durchsuchen, aber da waren die vielen Bilder, da war die Unordnung und damit konnte er nicht leben, obwohl, sie ihm auch wahnsinnig fehlte. Nicht die Unordnung, nein sie, aber beides hing miteinander zusammen, war nicht zu trennen. Er hatte sich arrangiert, es ging irgendwie, wenn sie nur glücklich geworden wäre.

    *

    Es war kurz vor Weihnachten, sie saß im Wohnzimmer, der Junge, damals ein Jahr jünger, krabbelte am Boden und schob eine Holzlok vor sich her. Dabei brummte und brabbelte er Unverständliches, oder sagen wir, was nur die Eltern, vielleicht, verstehen würden.
    Genau wie Hundebesitzer das Gebelle des Hundes einordnen können, wütend, drohend, meldend, bittend.
    Sie war wieder tief gesunken, in ihre Grube, sie nannte das nicht Loch, es war eine Grube. Dort war es kalt und fast dunkel, es war wenig wahrzunehmen, nur wenn sie nach oben blickte, sah sie ein wenig Licht.
    Licht am Ende des Tunnels?
    Ja, wie aber hier rauskommen, wie dem Schmerz entfliehen, der ihre Seele zu zerreißen drohte, der Hunger, der so wehtat, aber auch das Anwidern vor jedem Essen, das sie sah. Sie wusste nicht, woher das kam, ja erst hatte sie versucht, durch Hungern besser auszusehen, aber auch zu zeigen, mir geht es schlecht.
    Das sah aber niemand, das wollte niemand sehen. Warum sah das keiner, auch Timm, ihr Mann sah das nicht. Warum liebte der sie nicht, warum hatte er ihr denn dieses Kind gemacht, das dort oben herumkrabbelte, das sie merkwürdigerweise sehen konnte, obwohl in einer Grube, konnte man nur sehen, was draußen vorging, wenn man über den Rand schaute, aber sie hatte den Rand mindestens einen Meter über sich.
    Sie sah den Jungen, den er ihr gemacht hatte. Na ja Timm war nicht böse, das war keine Gewalt gewesen. Aber er wollte ein Kind, einen Sohn, sie aber wollte kein Kind, warum auch, sollen die so ein Scheißleben leben, wie sie es hatte.
    Also doch Gewalt?
    Die Schmerzen die niemand fand, das sich Zurückziehen, das nicht mehr wollen, für das es keine Hilfe gab, egal wo sie hingingen. Auch so ein Scharlatan, der hatte eine Anhängung an ihr abgelöst, irgendein Verwandter, der an ihr baumelte, ein Toter, so ein Quatsch aber auch.
    Timm glaubte an so einen Mist, aber es ging ihr eine Zeitlang besser, das stimmte, sie konnte viel malen, schrieb ein paar Geschichten, eher Gedichte, eines davon hatte Timm sogar mit Musik versehen.
    Das war schon schön, aber wer interessierte sich schon für ihre Kunst, wer sich für sie!
    Timm, ja der wollte Sex, nein nicht nur, das wäre ungerecht, er war lieb, kümmerte sich um sie, auch sehr um den Jungen, wenn sie nicht konnte oder arbeitete. Dann konnte er nicht arbeiten oder er arbeitete mit dem Jungen zusammen. Der trommelte, oder blies in eine Mundharmonika, schräges Zeug, aber Timm übte dazu, als wenn ihm das Falsche und das Schräge nicht interessierte.
    Dafür regte er sich immer auf, wenn Bill Wyman den Einsatz bei den Stones nicht fand, der wäre ein Profi, verdammt, das musste doch gehen. Er wäre halb so gut, aber so etwas passierte ihm nur, wenn er besoffen war.
    „Vielleicht ist Bill ja besoffen, was weist du denn“, konterte sie ihm daraufhin. Er lächelte sie dann an und gab ihr recht, ach wie hasste sie das, warum gab er ihr immer Recht, wollte der doch nur Sex und log deshalb?
    Sie musste das Kind austragen, sie hatte sich abgewöhnt Blage zu sagen, das hatte ihr Timm verboten, der liebte den Jungen über alles, wenn er mich nur so liebte, dachte sie immer. Und sie dachte dann auch nicht mehr Blage, sie gewöhnt sich an, an das Kind zu denken, oder der Junge, nie dachte sie mein Kind oder mein Junge.
    Den wollte er haben, den musste sie 9 Monate mit sich rumschleppen, den musste sie aus sich rauspressen, Mann tat das weh, waren das Schmerzen. Als sie ihn dann im Arm hatte, kamen kurzzeitig so was wie Muttergefühle, aber das war nur kurz, zu solchen Gefühlen war sie nicht fähig. Das ging nicht, warum, keine Ahnung.
    Das fanden auch die Ärzte nicht, weder im Kopf, noch in der Seele. Nur der eine Typ, fand diese Anhängung oder Besetzung, sie wusste nicht mehr, wie der das nannte. Das war dann weg und irgendwie war einiges dann gut, aber nicht lange. Dann fiel sie wieder in ihr Loch, in ihre Grube zurück und das war kurz vor Weihnachten.
    Sie haste dieses Gehabe um den Heiland, der da geboren ward, das war doch alles bloß Kommerz. Das ging doch nur um Geschenke kaufen, um Absatz, Umsatz und alles hatte sich dem unterzuordnen.
    Alle mussten Geschenke kaufen und keiner wusste so recht was, denn alle hatten alles, und was sie nicht hatten, wenn die Farbe zum Malen alle war, oder die Leinwand, dann kaufte man Neue, wenn man konnte und wenn nicht, dann malte sie auf Pappe, oder auf Sperrholz, egal was sie fand.
    Aber malen ging doch immer, wenn nur diese Kritiker nicht wären. Vor allem die aus dem Kunstverein, dem sie beigetreten war. Diese hinterhältige Bärbel, die aus dem Vorstand, die rumratschte, tuschelte und tratschte, was sie für einen Mist malte. Dabei hatte sie gar keinen Anspruch irgendwer zu sein, Picasso oder Modersohn.
    Nein sie malte, weil sie nicht anders konnte, Malen war Therapie, wenn sie das Unglück herausgemalt hatte, ging es eine Weile, bis es wieder losging, nein das war es nicht. Dennoch sehnt sich jeder Mensch nach ein klein wenig Beachtung.
    Die gab ihr Timm auch, manchmal übte er auch bei ihr, nahm die Akustikgitarre und spielte was, derweil sie malte, das war schön, aber dass das extra komponiert war, dass er dabei auch arbeitet, das bekam sie nicht mit.
    Er tadelte sie nie, wie ihre Eltern. Da war immer was falsch, da war nicht richtig aufgeräumt, egal wie sie sich Mühe gab, da war dies und das nicht richtig. Da hätte ein Einser sein Können, und nicht der Zweier. Sie war nur in der Kunst wirklich gut, im Zeichnen, auch Singen, das störte den Eltern.
    Das war brotlose Kunst, da verdiente man nichts, man musste was Ordentliches lernen, wenn man was werden wollte im Leben. Sie lernte ja nicht schlecht, sie war ja nicht dumm, Mathe 3, Deutsch 3, Biologie und Chemie sogar 2.
    Aber wofür war das alles gut, der Phytagoras, wofür brauchte man das im Leben?
    Sie wollte ja nichts werden, was sollte sie werden?
    Aber auch in der Schule war das so, immer gab es nur Kritik, nie gab es Lob, nichts war genug, immer musste es mehr sein. Vor allem im Sport, sie hasste Sport, das Rumgehüpfe, das Rumgerenne nach der Stoppuhr, die bescheuerten Ballspiele, fangen ging ja noch, da wurde die Feinmotorik besser, aber Handball?.
    Da gab es ein oder zwei Talente, die hatten nur den Ball und egal wo sie positioniert war, sie hatte immer die Arschkarte. Im Tor bekam sie keinen Ball gehalten, obwohl sie die der Anderen fast immer hielt und als Feldspieler bekam sie nie den Ball.
    Sie war nicht so schnell und hatte eine leichte Schwäche im perspektivischen Sehen. Sie konnte also schlecht abschätzen, wo der Ball genau hinging, und erreichte ihn auch oft nicht, weil sie das falsch einschätzte. Anstatt zu motivieren, wurde getadelt.
    Das demotivierte weiter und ihre Eltern halfen ihr auch nicht, sie fand kein Ohr, also zog sie sich zurück, spielte oft krank und fand so richtig in diese Rolle rein.
    Nun wieder das Scheißfest, Timm hatte schon alles geschmückt, draußen die Lichterketten, den Baum hatte er auch schon besorgt, der lag auf der Terrasse und der Adventskranz stand auf dem Tisch. Es brannten vier Lichter. Dieses Jahr war der Heiligabend auf einem Samstag, also hatte sie noch eine Woche, es muste eingekauft werden, ein Plan wurde gemacht, wann was sein wird, wo sind wir am 24., wo am 25. und am 26.. Ihre Schwägerin machte wieder Terror mit dem Essen, sie ist vegan.
    Wie krank ist das, wie geht das überhaupt, das war krank für sie, obwohl auch sie mit dem Essen auf Kriegsfuß stand. Viel Fleisch ass sie nicht, es schmeckte ihr nicht, vieles schmeckte ihr nicht, dann ass sie eben nichts oder nur eine Kartoffel.
    Aber immer die gleiche blöde Frage, was ist denn da drin, als wenn man Scheiße reintäte. Dabei gab es nur Bio bei ihnen, fast nur, wenn das Geld knapp war, schon mal nicht.
    Arme leben ungesund und sie waren nicht reich. Wenn genug Geld da war, gab es nur Bio, oft aus Sonderangeboten, des Biomarktes, halber Preis, das was andere nicht mehr nahmen, aber das reichte für sie, sagte Timm. Ja, eklig war das schon, aber dann ass sie nichts, sie machte keinen Terror.

    *
    .
    Einen Moment hielt Timm beim Lesen inne und dachte, „und wie das Terror war.“ Welche Mühe er sich gab, damit sie essen konnte und dann, doch nichts ass. Aber er wusste auch, dass sie nicht anders konnte, er liebte sie, er hätte alles für sie gemacht. Ihm schien, ihr hing wieder irgendwas an, aber das Geld war nicht da und seine mentale Kraft reichte nicht aus.
    Wenn er nur wüsste, wie er ihr helfen könnte, auch wenn sie dann weggegangen wäre, weil sie ihn nicht mehr brauchte.
    Seine Augen füllten sich mit Tränen und er ließ sie laufen, er wollte jetzt kein Piano, keine Gitarre, um ein trauriges Lied zu spielen, einen Blues, oder Einen zu schreiben, nein er wollte jetzt heulen.
    Sie war weg, für immer weg, warum nur verdammte Scheiße. Er spürte ein wenig Schuld in sich hochkrauchen, nein er hatte keine, aber das Gefühl kam hoch. Er hatte doch alles getan, was er vermochte. Er hatte so gehofft, der Junge würde sie fortreißen aus ihrem Loch, Grube sagte sie, er sagte Loch.
    Scheißweihnachen, er wischte sich die Tränen mit dem Ärmel fort, so sehr hätte er sich gewünscht, sie hätte so gemeckert, wie seine Mutter mit seinem Vater, wenn der sich den Schweiß oder den Rotz mit dem Ärmel abwischte.
    Nein sie meckerte nicht, sie fand keine Krümel, keine Fussel, sie meckerte nicht, wenn die Ecken rund gesaugt oder gewischt waren, wie das seine Mutter mit dem Vater tat, bei ihm traute die Mutter sich das nicht, obwohl er das mal mitbekommen hatte.
    Sie beschimpfte seine Frau, sie sagte mal, die Schlampe müsste das doch machen. Das tat weh, sehr weh, ja vielleicht hatte sie recht, aber sie konnte nicht, seine Frau konnte das nicht, meistens.
    Manchmal ging das und dann war sie richtig gut. Dafür fing der Junge an zu putzen, als er krabbeln konnte und Wörter fand, schmutzig, und wischte auf.
    Einmal waren sie einkaufen, beim Neuland und da waren die Glasvitrinen beschlagen, da fing er an mit, „schmutzig“.
    Der Opa war dabei, der gab ihm ein Taschentuch und nun fing der Junge an zu wischen. Das rief große Heiterkeit hervor, der Opa frotzelte, „bisschen mehr Mühe geben“, alles grinste und freute sich über den kleinen Putzer und es gab ein Wienerle.

    *
    Die vierte Kerze, Scheißkerze, nun ging es bald los, der Stress dachte sie und ihr wurde noch schlechter. Das geschenke, der sinnlose Kram, wenn er wenigstens nutzen würde.
    Parfum, dieser Gestank, der sich Hanell nennt, der nur stinkt , diese blöden Verlegenheitsgeschenke, weil man den anderen nicht kannte, nicht wahrnahm, was der mochte.
    Timm bekam immer irgendwelche Bücher, obwohl der nur ein Buch im Jahr las, was nicht mit Musik im Zusammenhang stand. Und sie bekam immer Musik, irgendwelcher Mainstreammist, die Hischer oder die Herg, oder sowas.
    Dabei hatte sie Musik zu Hause. Wenn sie die wollte, setzte sie sich zu Timm und malte dabei, oder hörte nur zu.
    Manchmal ging sie auch ins Studio mit, hörte nur zu, oder sang sogar Background. Ihre Stimme war schön, einen Song hatten sie sogar mit ihr aufgenommen, er war nicht perfekt, aber Timm liebtet ihn, weil sie ihn gesungen hatte.
    Er versprach ihr, wenn er mal alleine eine Platte aufnahm, wäre der Song drauf. Was hatte sie davon? Viel lieber hätte sie ein wenig Beachtung für ihre Malerei.
    Die nächste Artroom machte sie nicht mehr mit, sie wollte nicht mit diesen Mobberrinen in einem Raum hängen, die Köter oder auch Katzen, die den neben sich, einfach verbeißen wollen. Am Ende hätte das sowieso keinen Sinn, was sollte das. Was sollte dieses Leben, warum war das so?
    Dann kam der Junge mit seiner Eisenbahn zurück aus seinem Eisenbahnland und sah die Mami so traurig sitzen. Die Mami war traurig. Hatte er was getan?
    Er krabbelte, so schnell er konnte, zu ihr hin: „Mami, Mami,“ und begehrte auf ihren Arm zu kommen. Nein nicht schon wieder, aber sie konnte doch nicht anders, sie nahm den kleinen Mann, der wohl, was mitbekam, was mit ihr war.
    Vielleicht sah der ja sogar ihr Elend, kleine Kinder sehen noch Dinge, die wir nicht mehr wahrnehmen und schmiegte sich ganz fest in den Arm der Mama, an ihre Brust. Sie spürte den kleinen Körper zittern, schluchzen, spürte den festen Druck der kleinen Arme, die sie nie loslassen wollen würden.
    Und wieder kam diese Frage, warum hatten ihre Eltern sie so fallengelassen. Da gab es keine Antwort für sie und irgendwie spürte sie, dass sich Weihnachten vielleicht doch lohnte, für ihn, dem, der nichts dafür konnte, das er da war, genau wie sie. Nichts dafür konnte, zu leben, obwohl Timm immer sagte, man suche sich sein Leben aus, man sollte was lernen, was denn bitte schön?
    Vielleicht reicht es auch nur aus, da zu sein, mit ihrem Sohn, dem Mann, der soviel tat, eigentlich alles, und es wird doch einmal schön, irgendwann.

    *

    Hier konnte Timm nicht mehr. Es war wieder der vierte Advent, wieder einmal, diesmal war das sogar der Heiligabend und er war allein. Die Türe ging auf, der Junge kam herein und sah seinen Papi aufgelöst da sitzen, ging zu ihm hin, nahm ihn in den Arm und sagte: „Papi, ich bin doch da, wir beide“, und schmiegte sich ganz fest an den Papa.
    Ja dachte Timm, du bist da, ich bin da, wir gehen da jetzt einfach durch, wir scheißen auf die hysterische Schwester, auf den ganzen Weinachtsscheiß und hauen einfach ab. Aber erst musste er noch einmal mit dem Kommissar reden, so einfach verschwinden konnte er nicht. Er dachte so an die Berge, den Fichtelberg oder so.

    1. Lieber Frank,
      die Idee, zwei Weihnachten einander gegenüberzustellen, gefällt mir sehr gut. Mit Hilfe von Rückblenden über die vergangenen, prägenden Weihnachten zu erzählen, ist spannend um so die aktuelle Situation zu erklären. Ein ganz schön komplexes Familiendrama scheint so hinter der Oberfläche der Geschichte auf und gibt ihr Tiefe. Vielen Dank!
      Andreas

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