Selbstfürsorge mit dem Stift – 11 Wege zum gesunden Ich

von Cora Albrecht

„Willst du mit mir ins Kino gehen?“, fragt deine beste Freundin. „Können Sie bitte noch ein bisschen länger bleiben?“, fordert dein Chef. „Wann kommst du endlich ins Bett?“, ruft dein Partner.

Permanent ziehen Menschen an uns herum, die irgendetwas wollen. Für dich selbst bleibt immer wieder viel zu wenig Zeit.

Dabei ist es so wichtig, auch für sich selbst da zu sein. In diesem Blogbeitrag erfährst du elf Weisen, wie dir dies schreibend gelingt.

Schreiben – Wozu eigentlich?

Warum schreibst du eigentlich? Spätestens seit dem Teenageralter musste ich mich immer wieder rechtfertigen. Das Schreiben stand damals den Hausaufgaben im Weg und unter meinen Deutschaufsätzen fand ich häufig ein „Thema verfehlt“. Noch heute vermisse ich die Grundschultage, in denen ich offen zugeben konnte, einfach nur zum Spaß zu schreiben.

Wir alle erzählen – abends dem Partner von unserem Tag, den Freunden von einem Urlaub, einem Film oder auch von Dingen, die nie passiert sind. Wir alle lügen. Und schon das zeigt, dass wir alle schreiben können, auch wenn uns unsere Deutschlehrerinnen etwas anderes erzählt haben mögen.

Und doch kann nicht jeder Text zu einer Veröffentlichung führen. Das ist auch gar nicht nötig. Denn Schreiben hat so viele andere tolle Effekte.

Schreiben als Selbstfürsorge – zum Ich kommen

Sich selbst besser kennenzulernen ist der erste Grund, regelmäßig zu schreiben. Egal, ob wir es wirklich täglich nutzen oder nur in Situationen des Umbruchs, in denen wir uns unsicher und verloren fühlen.

So wie wir oft erst im Gespräch mit anderen merken, was wir wirklich wollen oder fühlen, können wir dies auch in der stillen Beschäftigung mit uns selbst herausfinden. Bei stiller Grübelei drehen wir uns gedanklich schnell im Kreis. Der Stift auf dem Papier hilft uns dann dabei, beim Thema zu bleiben. Wenn das einmal nicht gelingt, können wir den Text später durchlesen, um zu schauen, welcher Gedanke uns auffällt.

Klassisches Tagebuch

Das bekannteste Medium zur Selbstfürsorge ist wohl das klassische Tagebuch. Auch wenn es oft als bester Freund einsamer kleiner Mädchen verschrien ist, kann es auch anderen gute Dienste leisten.

Es geht weniger darum, festzuhalten, was wir erlebt haben, als wie wir es erlebt haben. Und dabei hat das Tagebuch einen doppelten Effekt: Während des Schreibens selbst schafft es Distanz. Es hilft uns, das Erlebte von außen zu betrachten und einzuordnen. Später können wir beim Nachlesen sehen, wie wir frühere Krisen überwunden haben oder wie schön es z.B. zu Beginn einer Romanze war.

Wenn das Leben gerade langweilig in geraden Bahnen verläuft und nichts besonders Gutes oder Schlechtes passiert, können wir das Schreiben auch gerne schleifen lassen. Aber das Tagebuch ist ein Freund, zu dem wir immer wieder zurückkehren können.

Traumtagebuch

Als eine Abwandlung vom klassischen Tagebuch werden in das Traumtagebuch keine „wirklichen“ Erlebnisse eingetragen, sondern Träume. Da das Gehirn im Traum Erlebtes auf kreative Weise verarbeitet, können wir so unser Leben aus einem anderen Winkel betrachten.

Vielleicht merken wir, dass ein Streit doch wichtiger war, als uns bewusst gewesen ist.

Oder wir realisieren, dass wir einen Wunsch haben, den wir nicht länger ignorieren sollten.

Auch Albträume können ihren Schrecken verlieren, indem man sie aufschreibt und ihnen dabei ein anderes, besseres Ende gibt.

Traumtagebuch führt man am besten morgens, wenn die Erinnerung an die Träume noch frisch ist. Regelmäßiges Schreiben führt hier übrigens dazu, dass man sich besser an seine Träume erinnern kann.

Sich selbst befragen

Wenn ein konkretes Problem gelöst werden muss, hilft es, sich selbst Fragen zu stellen. Ich habe dies z.B. zu Zeiten der Jobsuche besonders intensiv gemacht: Warum will ich die Arbeit wirklich machen? Was reizt mich daran?

Das Aufschreiben hilft dabei, zwischen fragendem und antwortendem Ich zu trennen. Indem du die Antworten aufschreibst, legst du dich fest.

Vielleicht kennst du das Gefühl: was aufgeschrieben ist, ist wahrer. Wir müssen uns nicht immer wieder die gleichen Fragen stellen, wenn wir uns einmal für eine Antwort entschieden haben. (Wenn wir einen Grund haben, die Antwort anzuzweifeln, können wir dies aber tun.)

Freie Assoziation

Wie die auf Freud basierende Gesprächstherapie nutzt auch das Schreiben freie Assoziation, um neue Antworten zu finden. Besonders bekannt sind die so genannten Morgenseiten.

Jedoch ist es unwichtig, wann wir sie schreiben. Auch wie wir einsteigen, ist nicht so wichtig. Je nach Schreibpersönlichkeit können wir einfach mit dem ersten Gedanken beginnen, den wir haben, wenn wir uns an den Schreibtisch setzen. Manchen hilft auch, mit einem bestimmten Satz (immer wieder dem Gleichen oder auch immer wieder einem Neuen) einzusteigen oder sich ein bestimmtes Thema vorzugeben.

Am wichtigsten ist, dass wir überhaupt anfangen. Und dass wir uns von Anfang an ganz unseren Gedanken anvertrauen. Wir sollten nicht versuchen, irgendetwas zu zensieren. Ohne gedanklichen Zwischenschritt schreibst du direkt das auf, was dir gerade in den Sinn kommt. Frei schreiben ist die Devise!

Nach einer vorgegebenen Zeit stoppst du und schaust dir das Ergebnis an. Oft kommen die Texte nach wenigen Sätzen zu dem zentralen Thema des Tages oder der Woche, selbst wenn sie ganz anders begonnen haben. Und wenn zunächst nur Satzfragmente auf dem Papier landen, weil das Denken sich immer wieder selbst unterbricht, keine Angst. Das ging mir auch so. Mit ein wenig Übung wird das Denken geregelter und konzentrierter, was dann auch bei anderen Aufgaben, z.B. im Berufsleben, helfen kann. Selbstfürsorge hat also häufig sehr praktische Konsequenzen.

Schreiben als Selbstfürsorge – Das Ich pflegen

Die zweite Motivation des Schreibens kann sein, dass man sich dabei oder danach einfach besser fühlt. Das hat natürlich jedes Hobby so an sich. Im kreativen Schreiben werden aber Gefühle und Verstand so produktiv verknüpft, dass die positive Wirkung deutlich länger anhält.

Gefühle erkunden

Beim Schreiben finden wir heraus, was wir in Bezug auf ein bestimmtes Thema empfinden. Wir können aber auch beobachten, was wir fühlen, ohne uns mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen, indem wir frei assoziieren.

Fühlst du dich heute mies, aber weißt nicht warum?

Dann schreibe darüber!

Aber auch Situationen, die (noch) gar nicht eingetreten sind, können wir erkunden. Über unbekannte Gefühle zu schreiben ist vielleicht nicht möglich, doch die Basisemotionen Freude, Ärger, Trauer, Ekel und Angst kennen wir alle. Und in Form einer Geschichte können wir uns fragen: Was wäre wenn …

  • mein Partner die Stadt wechseln müsste
  • ich meinen Job verlöre
  • ich eine Hochelbin in Mittelerde wäre?

Das Schreiben wird so zu einer Expedition in unser eigenes Inneres.

Gefühle ausleben

Auch wenn wir unsere Gefühle kennen, können wir das Schreiben produktiv nutzen. Bist du überarbeitet? Dann schreib dich doch mal in den Urlaub. Dabei geht es nicht darum, allein eine Erinnerung an einen früheren Urlaub zu notieren. Versetz dich beim Schreiben in konkrete Situationen hinein!

Bereise einen Ort, den du schon kennst, oder einen, den du gerne besuchen würdest. Einen Ort, den es vielleicht gar nicht gibt.

Wenn du wütend bist, rase und tobe mit dem Stift auf Papier. Nicht alle Gefühle können wir ‚im wirklichen Leben‘ ausleben. Viel zu oft schlucken wir unseren Ärger herunter, um Beziehungen (ob bei der Arbeit oder in der Familie) zu schützen.

Doch den Ärger immer nur zu schlucken, führt oft zu plötzlichen und dann übertriebenen Gefühlsausbrüchen und kann auf die Dauer auch krank machen. Also lass mal alles raus – wenn auch ‚nur‘ auf Papier. Hier können deine Worte niemandem wehtun. Und danach fühlst du dich besser.

Gefühle mitteilen

Etwas aufzuschreiben ist oft einfacher, als es auszusprechen, besonders wenn es sich um schwierige Themen handelt. Sei es in Form eines Liebesbriefes oder des Gegenteils – manchmal müssen Gefühle einfach raus.

Und oft muss der Adressat den Brief nicht einmal lesen.

Es reicht manchmal schon, seine Gefühle an jemanden gerichtet aufzuschreiben. Und schon ist dieses Mitteilungsbedürfnis weg.

Ein weiterer Vorteil dieser Briefe ist auch, dass man so mit jemandem kommunizieren kann, die nicht da ist, vielleicht weil sie verstorben ist. Das Schreiben stärkt das Gefühl einer Bindung und vermindert die Einsamkeit.

Schreibtherapie

Alle bisher behandelten Möglichkeiten des Schreibens nutzt auch die Schreibtherapie, die z.B. in psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Kliniken von psychologisch ausgebildeten Therapeuten neben Kunst- und Ergotherapie unterstützend genutzt wird.

Gerade introvertierte Menschen überwinden beim Schreiben leichter Blockaden als beim Reden. Und da die Texte sprachlich verfasst sind (anders als Bilder), lässt sich im Anschluss leichter darüber reden. Aber auch in der Jugendarbeit oder in der Arbeit mit Senioren wird die Schreibtherapie angewendet.

Schreiben als Selbstfürsorge – Das Ich vergessen

Ich selbst unterrichte Kreatives Schreiben in der medizinischen und beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker. Da ich keine therapeutische Ausbildung habe und die oben behandelten Themenbereiche von Kollegen abgedeckt werden, ziele ich in meiner Tätigkeit auf einen dritten Bereich ab, wie wir schreibend für uns selbst sorgen können: Indem wir uns selbst für eine gewisse Zeit vergessen. Permanente Beschäftigung mit sich selbst ist anstrengend, Schreiben kann Urlaub von sich selbst sein.

Fiktive Geschichten schreiben

Das ganze Leben ist voller Geschichten, du musst sie nur sehen. Was ist zum Beispiel mit der Frau dort in der Straßenbahn, die mit der komischen Frisur, wie ist sie nur dazu gekommen? Und schon denkst du einen Moment über jemand anderen nach und nicht nur über dich selbst.

Ob du dich dabei an strukturelle Vorgaben z.B. für eine klassische Kurzgeschichte oder verschiedene Gedichtformen hältst, bleibt dir überlassen. Doch bedenke, dass solche Vorgaben die Gedanken immer auch einschränken. Übe zuerst nur das Erkennen von Geschichten. Wie du die Geschichten später in Form gießt, ist ein anderes Thema.

Schreibübungen

In meinen Schreibkursen und auf meinem Blog gebe ich jede Woche Schreibimpulse, die zu Geschichten anregen.

  • Wie würde zum Beispiel eine Welt aussehen, in der Kunst das Hauptnahrungsmittel ist?
  • Was würde ein Taxifahrer mit einem Kugelschreiber in einer Bibliothek machen?
  • Wie sieht es aus, wenn der Nachtisch zum Nachttisch wird?

Schreib einfach los. Es gibt kein „richtig“ und „falsch“, kein „Thema verfehlt“.

Nur wenn du dich ganz auf den Weg des Stiftes verlässt, kannst du dir selbst wirklich entkommen. Vielleicht stellst du dir einen Wecker, um die Zeit nicht zu vergessen. Ständig auf die Uhr zu sehen, lenkt ab. Und stell sicher, dass du nicht gestört wirst.

Nach den Ausflügen in andere Welten sind meiner Erfahrung nach alle Gruppenteilnehmer entspannter und glücklicher.

Andere Rollen annehmen

Nimm in deinen Geschichten bestimmte Rollen ein:

  • Wie fühlt es sich z.B. wohl an, nach einer beschwerlichen Reise allein in einem völlig fremden Land anzukommen, ohne die Möglichkeit, je zurückkehren zu können?
  • Wie fühlt es sich an, ein Lehrer zu sein?
  • Oder ein Schüler?

Diese Reisen in die Leben anderer können dir helfen, respektvoller mit ihnen umzugehen. Vielleicht stillen sie aber auch nur deine natürliche Neugier. Empfehlenswert sind sie auf jeden Fall.

Selbstfürsorge durch schreiben – Allein oder in der Gruppe?

Ob du nun lieber in einer Gruppe schreibst oder allein, hängt von deinen Vorlieben ab. Beides hat Vorteile.

In einer Gruppe bestärken sich alle gegenseitig in ihrem Versuch zu schreiben, geben sich positive Rückmeldung und Inspirationen. Und zu beobachten, was die anderen aus den Übungen gemacht haben, macht jede Menge Spaß.

Die Schreibgruppe sollte jedoch achtsam gewählt sein, weil du dich wohl und sicher fühlen musst, um vom Schreiben zu profitieren. Wenn du solch eine Gruppe in deiner Nähe finden kannst, verbindet sich die positive Wirkung des Schreibens mit den sozialen Kontakten zu einen wahren Powerpaket.

Es gibt auch Schreibgruppen online, die zumindest einen Teil der sozialen Wirkungen einer Schreibgruppe vor Ort bieten können. Oder du schreibst allein, nur für dich. Hauptsache ist, du findest einen Raum nur für dich. Einen Raum, an dem du dich von der Welt ausruhen und für dich selbst sorgen kannst. kannst. Dieser Raum kann zwischen Zeilen liegen.

Mehr zum Thema Selbstfürsorge mit dem Stift:

  • Der Blog https://schreibenwirkt.de/ mit vielen hilfreichen Impulsen zur sofortigen Umsetzung.
  • Silke Heimes „Warum schreiben wirkt“ oder „Schreiben als Selbstcoaching“
  • Auf meinem Blog http://www.metallstiftwunden.wordpress.com/ werde ich jedem Thema noch einmal einen längeren Beitrag widmen, mit Schreibübungen, Erfahrungen und Literaturtipps.

 

Cora Albrecht zeigt auf ihrem Blog http://www.metallstiftwunden.wordpress.com/ wie wir durch Schreiben das Leben und die Welt bewältigen können. Beispiele aus der eigenen Schreibpraxis, Übungen und Analysen machen den Blog so bunt und vielseitig wie das Leben selbst.

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