Samira Servos: Herzschwirren

Im Folgenden der Gewinnertext des X-Mas Story Contest 2016. Zur Begründung der Entscheidung siehe unten.

Der Blick aus dem Zimmer, vom schwach beleuchteten Esstisch aus, war ein Blick durch die Spiegelung des eigenen blassen Gesichtes in die hellen Fenster der durch das abendliche Blauschwarz der Nacht bretternden Züge auf bewegungslose Puppen und leere Sitze, auf dünne und kahle empor starrende Bäume und das tiefe Schwarz eines Schattens, halbherzig von einem sonst unauffälligen Straßenschild im Schein der Laterne geworfen. Weil es muss, dachte Dolly und führte die Gabel an den trockenen Mund; die Spaghetti wurden zu Gewichten, die sie beinahe hinunterzogen, die überwürzte Soße war eine ungenießbare Masse und tropfte wie Blut auf die weiße Tischplatte. Im Radio sang Dean Martin davon, an Weihnachten zuhause zu sein – in seinen Träumen. Seine Stimme versteifte Dollys Griff um die Gabel und seine Worte lockerten ihn wieder. Sie erkannte, dass sie nicht einmal in ihren Träumen mehr hier sein wollte. Lächelnd betrachtete sie den Schatten, den ihr Glas auf den fast leeren Teller warf und den gelb funkelnden Kreis, eine Reflexion des Apfelweins, der sich wie eine scheue Sternschnuppe am Tellerrand festkrallte, griff nach dem Glas und führte es, zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen, an den Mund. Noch ehe es ihre Lippen erreichte, ließ der Geruch in ihr Sinne und Seele aufhorchen. Erst kniff daraufhin die kalte Flüssigkeit ihr neckend in die Zunge, bis schließlich die Apfelsäure wie neue Lebensenergie ihr in den wartenden Körper floss und ein ebenso saurer Schmerz ihn in die Höhe zog, eine saure Erwartung ihre Augen befeuchtete. Die starrenden Bäume wankten verhalten und der nächste Zug, der vorbeirauschte, war leer.

Entschlossen leerte Dolly auch den Rest des fast noch vollen Glases, stellte es klangvoll ab und schaltete, ein freudiges Ziehen im Magen, das Radio aus, bevor Chris Rea sich auf den Weg nachhause machte. Mit warmem Kopf und feuchten Lippen flatterte sie aus dem Zimmer und stand, wie ein Windzug, im nächsten Moment schon in der kalten Abendluft, und Kunstfell schmiegte sich an ihren bebenden Oberkörper und die erwachten Füße. Frost, Nebel und Nässe trugen sie, die sie inmitten von Laternen und Lichterketten und dann und wann einer Leuchtreklame durch die Gänge und Gassen der ihr vertrauten und verhassten Stadt stapfte, wo nur ihre eigenen Schritte es waren, die konstant vom ruhenden Asphalt widerhallten, über den nur selten und unregelmäßig ein Auto hinweg wehte. Der Wind zog an Dollys Schal, der sie wie eine Fessel zu erwürgen drohte. Und hinter jedem erleuchteten Fenster, an dem sie vorüberging, verbarg sich eine neue isolierte Welt mit geschmückter Tanne oder gedecktem Tisch, mit quengelnden oder lachenden Kindern – und Eltern, die grimmig die Vorhänge zuzogen.
Manchmal kreuzten auch Menschen Dollys Weg – ein hünenhafter Mann mit einer Pfeife zwischen seinen großen Zähnen, eine junge telefonierende Frau mit staksigen Beinen in einer blickdichten Strumpfhose, eine Gruppe Jugendlicher mit schreienden Musikboxen in den Händen – und Dolly sprach einen an – einen jungen Mann, der allein und ohne Box unterwegs war – und fragte ihn, ob er eine Zigarette für sie habe. Sein Blick verriet Desinteresse, aber er war freundlich, und so spürte sie wenige Sekunden später, ein beflügelndes Kratzen im Hals, wie ein leichter Schwindel ihre schnellen Beine wackeln ließ.
Die erste Kneipe, die sie erreichte, hatte geschlossen. Falsche Sterne funkelten von innen an den Fenstern. Dolly hielt dennoch an, hielt inne auf einem Stück Abgrund, vor dem nur der gitterne Gully ihr Sicherheit gewährleistete, sah ihrem weißen Atem nach und begutachtete die Kennzeichen der geparkten Autos. „NE.ST“, stand auf einem von ihnen. Wieder lächelte Dolly, doch dieses Mal nicht ohne Schwermut.
Entschieden und ahnungslos, der Hals trocken und die Lippen noch immer feucht, wankte sie weiter, vorbei an einem trunkenen Trottel, der sich selbst etwas zuflüsterte. Erschöpft war das Lächeln, das sie sich für ihn abringen konnte, und er sah es nicht einmal.
Vor der Bar, auf die Dolly als nächstes zusteuerte, stand an eine Laterne angeschlossen und allein ein pinkes Fahrrad, an dessen Sattel sie sich einen Moment lang festhielt, den letzten tiefen Zug nehmend, um dann die Zigarette auszutreten und die bald erfrorenen Hände aneinander zu reiben, ehe sie auch das letzte bisschen Kälte abschüttelte und in das gut frequentierte Lokal trat, das sie von einer von wenigen in eine von vielen verwandelte.
Eine Live-Band performte „Last Christmas“, doch Dolly schwirrten ganz andere, weniger weihnachtliche Lieder im Kopf herum, unter allen am lautesten ein Chanson von Georgette Dee und Terry Truck, und sie dachte, dass man in einer kleinen Stadt genauso allein sein kann wie in einer großen und wie ein an eine Laterne gebundenes Damenrad in einer Winternacht. Und wie sehr sie das Alleinsein doch immer geliebt hatte, das ihr jetzt so heftig auf den Brustkorb drückte; und sie setzte sich an die Theke und trank Rotwein, bis ihr die Lippen taub wurden. Lauschte dabei dem Mann neben sich, der den Wirt in ein Wirrsal komischer Geschichten verwickelte, ließ seinen Spott ihr seltsam hartes Herz erweichen und belächelte seine Klagen. Sie ließ auch den Blick über die vollen Tische schweifen, über eine geschwätzige Menge, die offen Geschlossenheit demonstrierte; und traf ihr Blick den eines anderen, so hatten die vier Augen einander nichts zu sagen.
Schon wieder hatte Dolly versucht, wenn auch nur für Sekunden, in die Welten anderer Menschen einzudringen – aber in dieser Dunkelheit fühlte sie sich selbst licht werden.
Als die Bühne längst leer war und das Klavier so unberührt schlummerte wie ihr eigenes, teilte der Wirt ihr mit, dass er bald schließen werde. Und ihr betrunkenes Herz schwirrte, als sie – die Einzige, die jetzt noch da war – seinen Blick auf sich ruhen spürte. Er beäugte sie voll Neugier durch die beschlagenen Gläser seines durchsichtigen Brillengestells, und sie überkam die plötzliche Lust, etwas in den Sand zu setzen.
„Darf ich fragen, warum jemand wie du an Heilig Abend alleine ist?“, sagte der Wirt, während sie an ihrem Glas nippte.
„Ich wollte der Geselligkeit eine Weile entsagen.“
Der Wirt hob ungeschickt die Augenbrauen, dann entgegnete er: „Lass mich raten; um dich selbst zu finden?“
„Um ungestört Dante zu lesen“, erwiderte Dolly.
„Und?“, fragte der Wirt. Erst jetzt bemerkte sie, wie schön er sein könnte ohne die Brille und wie seine Lippen im Dämmerlicht schimmerten. „Bist du weit gekommen?“
„Ich bin fertig“, sagte Dolly.
„Oh.“ Der Wirt nahm ihr leeres Glas in seine sehnigen Hände. „Dann hast du jetzt sicher Zeit, mich nachhause zu begleiten. Kein weiter Weg.“ Und mit einem Finger deutete er zur Decke.
Dolly lachte kopfschüttelnd. „Zurzeit schreibe ich an einem Kochbuch.“
„Ich könnte deine Rezepte ausprobieren.“
„Mein Verleger vertraut mir auch so.“
Nachdem der Wirt Dollys Glas gespült hatte, legte er erneut seinen festen Blick auf sie und fragte: „Ist es vorstellbar, dass du dich noch dieses Jahr von mir auf einen Drink einladen lässt? Oder wenn dein Buch fertig ist?“
„Ich möchte ehrlich sein“, entgegnete Dolly. „Das Kochbuch ist nur einer von vielen Plänen und vielleicht verwerfe ich ihn wieder wie schon viele andere zuvor.“ Sie hatte sich nicht abgekapselt, um sich selbst zu finden, sondern um sich auch mal verlieren zu dürfen, ohne dass gleich jemand nach ihr suchte. „Ich könnte dir jetzt sagen, dass ich nach der Fertigstellung meines Kochbuchs Zeit für dich habe, nur vielleicht brauche ich dann jede freie Sekunde, um das Geigenspielen zu lernen.“
„Aber hat man das Alleinsein nicht irgendwann satt?“
An Festtagen, dachte Dolly. Wenn man für den Dekoschnee zu geizig und die Fensterbank voller Mehl ist, man mit dem Essen der selbstgebackenen Plätzchenmasse nicht mehr hinterherkommt, man nur die halbe Wohnung aufgeräumt hat und die Tanne ungeschmückt ist, weil man glauben will, dass all das ein Beweis für Freiheit sei. Und sie sagte: „Irgendwann bestimmt.“

Polizeisirenen durchstachen die Stille, als Dolly im Morgengrauen ihre Wohnung erreichte, wo sie sogleich Jacke und Stiefel abstreifte und die Nummer, die der Wirt zum Abschied auf einen zerknitterten Zettel gekritzelt hatte, zu den anderen legte, die gut aufbewahrt in einer kleinen smaragdgrünen Schachtel schliefen. Dann ging sie selbst ins Bett; ihr Bauch kribbelte noch vom Wein.
Im Traum wuchsen ihr Federn und bevor sie sich darüber wundern konnte, fand sie sich in einem warmen Vogelnest wieder, behütet von der Mutter, bis sie selbst, nachdem die Mutter eingeschlafen war, sich hinunterstürzte. Was ich unbedingt lernen will, hatte Dolly einst einem anderen Mann in einer anderen Bar erzählt, ist das Fliegen. Der Vogel kam hart auf dem Boden auf.

Am späten Nachmittag wachte Dolly auf und der Nachgeschmack des Alkohol drängte sie ins Badezimmer. Mit der Zahnbürste im Mund setzte sie sich auf die Toilette und griff nach dem dicken Buch, das unter der Heizung lag.
Als eine halbe Stunde später das Telefon klingelte, rannte sie nackt in den Flur und hinterließ eine Spur mit dem Wasser, das von ihrem Haar heruntertropfte.
Dolly, aufgeregt den Hörer ans Ohr gedrückt, konnte kaum einen Satz zusammenhängend wahrnehmen, ehe die ersehnten Worte sie erlösten: „Ab dem ersten Februar können Sie in die Wohnung.“
Nachdem sie aufgelegt hatte, schaltete Dolly das Radio ein, drehte solange an dem Lautstärkeregler bis er sich in die eine Richtung nicht mehr bewegen ließ und begann zu tanzen, keinen Quadratzentimeter ihrer Zweizimmerwohnung auslassend, das Mehl auf der Fensterbank und die unter der Tanne verstreuten Nadeln in alle Richtungen verwehend. Laut und schrill sang sie „Hard Candy Christmas“ mit der Frau, der sie ihren Namen verdankte, und war erleichtert, dass auch diese Weihnacht bald überstanden war.
Erschöpft und schwindelnd vor dem Spiegel innehaltend probierte sie schließlich die Ohrringe an, die sie sich geschenkt hatte; kleine glitzernde Dreiecke aus echtem Silber.
Wieder klingelte das Telefon, aber dieses Mal erwartete sie keinen Anruf.

 

Begründung zum Gewinn des Preises (Teilnahme an einem Schreibseminar nach Wahl im Wert von 225 Euro)

Die Geschichte ist herausragend, da du es schaffst, die Erlebnisse deiner Figur anhand passender sprachlicher Bilder auszudrücken. Du findest Ausdrucksformen, die niemals stereotyp sind, sondern kreativ und lebendig, indem du Sinneserfahrungen, Vergleiche und Metaphern nutzt. Deine Sprache überzeugt durch einen großen Reichtum an Variationen. Das Thema Weihnachten greifst du auf, um eine beinahe existentielle Betrachtung der menschlichen Abgründe aus Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und Alleinsein zu vollführen. Dabei bleibt deine Story immerzu spannend und kurzweilig zu lesen, das Ende und die Entwicklung sind nicht absehbar, dafür aber stimmig. Unter der Handlungsoberfläche tun sich psychische Tiefen der Hauptfigur auf.

Ein Kommentar, sei der nächste!

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