Diese 3 Regeln sind Gift für deinen Roman!

Der Inland-Taipan gilt als die giftigste Schlange der Welt. Zwar kommen Bisse selten vor, doch theoretisch könnte das Gift eines einzigen bis zu 250 Menschen töten. Und doch ist das Gift bei Forschern begehrt, um aus ihm lebensrettende Medikamente zu entwickeln.

Ähnlich ist das auch mit folgenden Schreibregeln. Nur, dass es nicht um Menschenleben geht, sondern um deinen Roman. Erkenne die Gifte, die dazu in der Lage sind, ihn um die Ecke zu bringen, und lerne, wie du sie als heilsame Medizin nutzen kannst.

Giftige Regeln

Nur so geht Drama

Plotstrukturen haben eine lange Tradition. Schon Aristoteles ließ sich darüber aus, wie eine gute Geschichte aufgebaut sein sollte. Und auch heute noch lassen sich viele Romanstrukturen auf den klassischen 5-Akt-Aufbau des Dramas oder auf die Heldenreise zurückführen.

Was liegt da näher, als einen Roman von vornherein entsprechend zu planen? Bis ins kleinste Detail lässt sich festlegen, was wann geschehen muss, wo die Plotpoints zu liegen haben und wie die Szenen aufeinanderfolgen sollen.

Plottest du vor dem Schreiben deinen Roman beflissen und überlässt dabei nichts dem Zufall, erhöhst du die Chancen, dich beim Schreiben nicht zu verirren. Zugleich killst du deinen Roman, noch bevor es überhaupt richtig losgegangen ist.

Letztlich bist du dann beim Schreiben ein Gefangener deiner eigenen Vorgaben. Denn wenn dich die Kreativität packt und du auf diese oder jene Idee kommst, wie es mit deinen Helden weitergehen könnte, musst du dich sofort bändigen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Geschichte aus dem Ruder läuft und sich dein schönes Plotkonstrukt als Kartenhaus entpuppt. Dann war all die Mühe umsonst.

Falls es dich nicht zu Tode langweilen sollte, etwas zu schreiben, was du bis ins kleinste Detail vorher schon weißt, gelingt dir womöglich so etwas wie ein Roman. Doch sehr wahrscheinlich wird der nicht besonders originell ausfallen, sondern gleicht eher einem Abklatsch bereits vorhandener Werke: Literatur von der Stange, ziemlich uninspiriert.

Show, don’t tell

Ein berühmter Leitsatz, den sich viele Schreiblehrer auf die Fahnen geschrieben haben. Damit ist gemeint, dass der Leser erleben soll, was er liest. Du sollst so gut schreiben, dass er spürt, was gerade los ist, ohne dass du es ihm sagst.

Klingt toll?

Nun, wenn du den Satz beim Schreiben tatsächlich zum Prinzip erklärst, wird auch er zum tödlichen Gift. Hast du in einem längeren Text schon einmal versucht, wirklich alles zu zeigen? Zum einen ist die Gefahr groß, dass deine Sprache künstlich wird, da du dich nicht mehr traust, Dinge beim Namen zu nennen. Zum anderen kommst du nur allmählich voran. Vor allem, wenn deine Helden einen längeren Weg vor sich haben sollten, ist diese Regel für dein Projekt schlichtweg tödlich.

Erschaffe tiefe Figuren

Im Mittelalter bestanden die Figuren in Erzählungen aus Stereotypen. Heute hingegen müssen Romanfiguren einen eigenen, möglichst tiefen Charakter aufweisen, damit der Roman funktioniert. So zumindest lautet diese verbreitete Regel.

Also wird empfohlen Figuren auszugestalten, bevor du zu schreiben beginnst. Du kannst ihnen dazu z.B. eine ganze Reihe an Fragen stellen, um sie besser kennenzulerenen, ihnen äußere und innere Konflikte andichten sowie ein komplexes Innenleben, an dem Sigmund Freud seinen Spaß gehabt hätte.

Nachdem du deine Figuren bis ins kleinste Detail erkundschaftet hast und dich nichts mehr an ihnen überraschen kann, da du sie auswendig kennst, beginnst du zu schreiben. Und was passiert dann? Ziemlich sicher machen deine Figuren das, was sie wollen, und nicht das, was du von ihnen verlangst. Nichts passt mehr zusammen. Du hast sie doch zuvor so schön erforscht. Und nun sind sie doch ganz anders. Wie kann das sein?

Das Gift hat deine Figuren bereits getötet, bevor sie überhaupt richtig zum Leben erwachten. Deren Tiefe macht sich nämlich nicht daran fest, dass du alles über sie weißt. Sondern daran, dass sie innerhalb des Textes funktionieren und ihre Persönlichkeit entfalten. Außerdem solltest du beim Schreiben auch noch ein wenig auf deine Figuren neugierig sein. Das macht das Ganze beim Schreiben erst interessant. Und das merkt auch am Ende der Leser.

Aus Gift wird Medizin

Begreifen wir die beschriebenen Regeln nicht länger als Regeln, sondern als Möglichkeiten, so ziehen wir ihnen den Giftzahn. Dann verwandeln sie sich in hilfreiche Werkzeuge für dein Schreiben, die es dir erlauben, dich zu orientieren.

Damit das klappt, solltest du die einzelnen Phasen des Romanschreibens im Blick haben. Auf jeweils unterschiedliche Weise können dir die Werkzeuge während der Planung, während des eigentlichen Schreibprozesses und bei der Überarbeitung helfen. Es kommt dabei vor allem auf die Dosis und die Art der Anwendung an.

Ein Kompass für deine Reise

Plotstrukturen sind hilfreich, wenn du sie nicht als Regel oder Vorschrift, sondern als Muster verstehst. Damit steht nicht von vornherein fest, wie deine Geschichte aussehen muss. Du kannst die unterschiedlichen Plotmuster vielmehr als Werkzeug heranziehen, wenn du dir beim Schreiben gerade nicht sicher bist, wo du Reise hingehen soll.

Muster wie die Heldenreise oder die 5-Akt-Struktur sind dann keine Vorgaben mehr, sondern eine Art Kompass, der dir hilft dich zu orientieren. Sie ermöglichen es dir zu verstehen, worum es dir eigentlich geht.

Zeigen und Erzählen

Show don’t tell! ist letztlich ein Anfängertipp, der eine ganz bestimmte Art des Schreibens als besonders gelungen voraussetzt. Er ist in der Lage, deine Natürlichkeit beim Schreiben zu killen und dich zur ständigen Suche nach künstlichen Ausdrucksweisen zu verdammen.

Dabei ist auch hier die Dosis entscheidend. Gewählt eingesetzt ist es wundervoll, den Leser spüren und erleben zu lassen, was gerade passiert, ohne ihm alles zu verraten. Und vor allem kann Show don’t tell! auf ganz unterschiedliche Weise gedacht werden. Es muss nicht immer das ausgefuchste Stilmittel sein, durch welches du etwas zeigst.

Am hilfreichsten ist es, diesen Ratschlag in Überarbeitungsphasen zu berücksichtigen. Du kannst ihn zur Hand nehmen, wenn du deiner Geschichte gerade nicht abnimmst, was geschehen soll. Dann scheint etwas mit der Erzählweise nicht in Ordnung zu sein. Indem du nun an ausgewählten Stellen mit Ausdrucksweisen experimentierst, um etwas zu zeigen, anstatt es bloß zu behaupten, machst du deinen Roman lebendig, ohne von vornherein in die Giftfalle zu tappen.

Figuren schreibend ergünden

Natürlich ist es toll, wenn deine Figuren nicht schematisch sind, sondern echt und vielschichtig wirken. Doch zum einen kann man es damit auch übertreiben, denn viele Texte, z.B. aus der Spannungsliteratur, funktionieren gerade, da sie ihre Figuren nur mit wenigen Strichen zeichnen, ohne es psychologisch zu übertreiben. Zum anderen gelangst du nicht zu lebendigen Charakteren, indem du alles vor dem Schreiben festzulegen versuchst.

Vielmehr ist das Schreiben selbst eine großartige Chance, die Eigenschaften deiner Figuren zu ergründen. Konzentriere dich bei deiner ersten Charakterisierung auf einige wenige zentrale Aspekte und leg erst einmal los. Du wirst schon sehen, wohin die Reise geht und deine Figuren dabei immer besser kennenlernen. Lass dich darauf ein. Ähnlich wie beim Plotten ist dies ein Prozess, der erst am Ende deiner Arbeit abgeschlossen sein wird.

Roman schreiben – Regeln und Schreibgleichgewicht

Zu unterschiedlichen Persönlichkeiten gehören auch unterschiedliche Arbeitsweisen. Ein Roman kann sicherlich auf vielerlei Weise entstehen. Und für manche ist es vielleicht gerade richtig, erst einmal einen großen Schluck von den hier beschriebenen Giften zu nehmen, bevor es richtig los geht.

Doch nun kennst du deren Gefahren und kannst sie als Werkzeuge sehen, auf die du bei Bedarf zurückgreifen kannst. Anstatt dich Regeln gegenüber zu sehen, verfügst du so über Medizin, die du nutzen kannst, wenn dein Romanentwurf schwächelt. Egal ob dramaturgisch, stilistisch oder bezogen auf die Figuren.

Finde also dein persönliches Gleichgewicht zwischen Schreibflow und dem Einsatz der Schreibmedizin. Und pass auf, wie viel du davon nimmst.

Was meinst du zu dem Thema: Zustimmung? Widerspruch?

13 Kommentare, sei der nächste!

  1. Toller Artikel.
    Ich stimme dir voll zu. Ich würde aber noch ergänzen, dass man den Plot auch benutzen kann, um die Geschichte allgemein zu beschreiben. Dabei sollte man aber dies auch, wie du bereits erwähnt hast, nur als Leitfaden sehen.
    So mache ich das zumindest und ich finde, dass Veränderungen während des Schreibens sich eher positiv auswirken.

    Vielen Dank für diesen Artikel und mit freundlichen Grüßen
    margladiator324

    1. Moinmoin margladiator324,
      vielen Dank für das Feedback, das bedeutet mir viel!
      Super auch deine Ergänzung! Klar, spätestens für’s Exposé ist eine gute Zusammenfassung unabdingbar.
      Schöne Schreibgrüße
      Andreas

  2. Ehrlich.

    Was ein Stuss. Nicht inhaltlich sondern die Art der Aufmachung.

    Deine drei rötlichen Fehler!!! Aber wenn du es richtig dosiert falsch machst ist es wieder richtig?

    Solche Tipps sind nutzlos.

    1. Lieber Michael,
      erst einmal freue ich mich, dass du meine Ausführungen nicht inhaltlich für „Stuss“ hältst. Was genau du nun mit „rötlichen“ Fehlern meinst, ist mir nicht klar.
      Richtig: Die Dosis ist häufig entscheidend, aber auch die Art und Weise, wie wir mit „Regeln“ oder besser Leitsätzen oder Konzepten umgehen. Das habe ich versucht mit meinem Artikel zu zeigen, sinnlos ist dies aus meiner Erfahrung heraus und aus der Erfahrung vieler anderer nicht.
      Selbstverständlich muss man das aber nicht so sehen. Interessant hätte ich deine fachlich-sachliche Meinung in freundlichem Tonfall gefunden.
      Beste Schreibgrüße
      Andreas

  3. Ich hab schon beides versucht: In einem Schreibkurs meine Figuren regelrecht seziert und auch einfach drauf los geschrieben. Beides hat für mich nicht funktioniert. Ich sitze am selben Buch, zum x-ten (ja- ich will es wirklich und unbedingt schreiben…grins) mal und stelle für mich fest, die Dosis ist tatsächlich das entscheidende. In meinem aktuellen Projekt hab ich mich nun entschieden, eine Arbeitsfassung zu schreiben. Alles wie es raus muß. Das gibt den Figuren auch Raum sich zu entwickeln. Eine erste Überarbeitung gilt dann Dingen wir „show don´t tell“ und sicher auch hier und da schon Veränderungen an den Figuren…ich überarbeite ja mehr als einmal…aber das für mich einzusehen, festzustellen, das alles andere MEINEN Flow blockiert, war ein wirklich harter Job!

    LG SAM

    1. Liebe Sam,
      vielen Dank für den Einblick in dein eigenes Schreiben! Ja, ich finde auch, dass es einfach unterschiedliche Phasen gibt beim Schreiben. Die konkrete Mischung ist bei jedem unterschiedlich. Aber mit den wichtigsten Zutaten, um sich diese Mischung zusammenzustellen, kann ich dienen 🙂
      Ich habe mich gerade auf deiner Homepage umgesehen. Was macht der geplante Roman?
      Schöne Schreibgrüße!
      Andreas

  4. Ich stimme dem Grundton in diesem Artikel generell zu, obwohl ich mir die Punkte noch etwas ausgefeilter gewünscht hätte. Mir fehlen einfach die konkreten Beispiele am Text. Ist natürlich klar, dass diese nicht einfach aufzutreiben sind, aber gerade ein Neuling, für den diese Hinweise extrem wichtig sind, versteht dadurch evtl. nicht so ganz, was gemeint ist.
    Ansonsten ist die Dosis natürlich entscheidend und auch vom Text selbst abhängig. Gerade show don’t tell wird viel zu schnell als Kritik angebracht. Zeige mehr und erkläre weniger! Schreibe nicht: „Sie ist wütend“, sondern zeige das in allen Facetten. Was darunter dann genau zu verstehen ist, weiß meist weder der Autor noch der Kritiker. Und ja, manchmal muss man einfach auch mal etwas konkret benennen, damit nicht nur Verwirrung bleibt.

    1. Hey Mika,
      ja, konkrete Beispiele wären sicherlich hilfreich, das nehme ich als Anregung mit, vielen Dank!
      Show, don’t tell ist am Anfang wichtig, um überhaupt zu begreifen, was sich mit Sprache alles machen lässt. Danach kommt es aber wie du schön schreibst auf den passenden Einsatz drauf an.
      Woran schreibst du denn?
      Schöne Schreibgrüße
      Andreas

  5. Hallöle Andreas,
    ja, es gibt sicher Regeln, für alles und oft sind die auch nötig, wie die Rechtschreibung, aber auch hier wird sehr oft verschlimmbessert. Zu deinem Erguss: Erst dachte ich, ups, was ist das wieder, genau das kann ich nicht. Plan machen, Mann bringt Fahrradfahrer um, Lebenslauf, Taten, Orte, Zeitstrahl. Genau so geht das nicht, das kommt, war eine Geschichte, nach erlebtem und dann kam der Fluss, nein man sagt ja Flow heute. Am Ende hat meine Frau noch gesagt, da fehlt was am Anfang, gut, noch drei Kapitel geschrieben und eingefügt. Nur so läuft das bei mir. Ich weiß zwar jetzt, wie „Der Kreuzfahrtmord“ enden wird, aber was davor noch kommt, weiß ich noch nicht. „Annis Geheimnis“ ruht in der Schublade, nein, auf der Festplatte, da will ich noch einmal ran, korrigieren eh, ist erst fürs Frühjahr 18 geplant. Aber da habe ich noch was im Kopf, das muss da rein. Aber das war auch nur eine Idee und floss dann heraus, hier war mir klar, wie das Enden soll, aber wie nicht. Aber du hast die Kurve bekommen, für mich jedenfalls, im Moment, ich darf weiter so machen. Das ist gut so,
    liebe Grüße Frank
    Ach so, ich lese am Samstag ab 14:00 Uhr, falls du in Berlin bist.

    1. Lieber Frank,
      Schreibfluss ist schön und Gedankenfluss auch. Gerade in Planungs- und Überarbeitungsphasen können dramaturgische Strukturen aber sehr hilfreich sein. Und diese Phasen müssen nicht unbedingt vor oder nach dem Schreiben liegen sondern können auch dazwischenliegen.
      Im Übrigen hat doch jeder seine eigene Arbeitsweise und das ist ja auch wichtig. Schließlich sind wir alle unterschiedlich. Ich kenne deine Bücher nicht, deshalb kann ich dazu nun nicht direkt etwas sagen. Doch auch deinen intuitiven Überlegungen liegen ja Prinzipien zu Grunde. Sich diese bewusst zu machen hilft manchmal, die eigenen Texte noch besser werden zu lassen. Nicht nur hinsichtlich der Rechtschreibung.
      Soweit nachvollziehbar?
      Viel Erfolg bei der Lesung!
      Andreas

  6. Ganz verkürzt gesagt: Dein Beitrag, lieber Andreas hat mich regelrecht erleichtert. Ich habe immer gerne meine Geschichten geschrieben, aber seitdem mir überall diese Schreibregeln begegneten, kam allzu oft eine Verunsicherung auf. Wenn ich dann anhand dieser „Vorschriften“ kontrollierte, musste ich aber nur gelegentlich etwas umschreiben. Insgesamt behindert mich das Denken an die Schreibregeln sehr – und ein ausgefeilter Plot ist regelrecht tödlich für mich, weil er die Kreativität bremst. Momentan schreibe ich einen Fantasy und merke, dass die Szenen und Abfolgen sich einfach nicht an das entworfene Gerüst halten wollen. Dein Artikel macht mich wieder etwas froher 🙂

    1. Liebe Gerda,
      oh wie ich mich über dein Feedback freue. Genau diese Erfahrungen habe ich nämlich auch schon gemacht und es ist so toll, wenn ich dir dabei ein paar gute Gedanken mitgeben kann. Ich habe lustigerweise auch im Fantasy-Bereich einmal einen Plot bis ins kleinste Detail entwickelt. Doch die Figur hat überhaupt nicht daran gedacht, sich daran zu halten.
      Schau nach der Figur und danach wo sie hinwill. Ein Plan ist dafür da über den Haufen geworfen zu werden, wenn es denn sein muss 🙂
      Schöne Schreibgrüße!
      Andreas

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