Kurze Geschichten schreiben – 15 gute Gründe dafür

Es ist rabenschwarze Nacht. Da leuchtet ein Feuerzeug auf.

Für wenige Sekunden sind Farben und Formen, Gegenstände und Personen erkennbar – dann ist es wieder dunkel. Doch das Bild wirkt auf der Netzhaut nach, du stehst nicht mehr im Nirgendwo, hast etwas an Orientierung gewonnen.

Kurze Geschichten wirken auf diese Weise und auf viele weitere. Ohne viel Zeit investieren zu müssen, bieten sie dem Leser im besten Fall gute Unterhaltung oder interessante Perspektiven aufs Leben und regen zum Nachdenken an. Der Autor übt sich im Erzählen und stärkt sein Selbstverständnis als Schriftsteller, ohne gleich einen Roman schreiben zu müssen.

Viele kleine Ideen finden einen Platz

Kurze Geschichten sind häufig direkt aus dem Leben gegriffen. Setz am besten bei deinen eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Gedanken an, selbst wenn du das Geschehen an einen exotischen Ort, in ferne Zeiten oder gar fremde Galaxien verlagerst. Dein Alltag ist die beste Quelle für Inspiration.

Ideale Form für aktuelle Fragen

Wir leben in einer verrückten Welt im wahrsten Sinne des Wortes. Unsere Werte und Normen, der soziale Zusammenhalt, die Lebens- und Alltagsgestaltung so vieler hat sich in den letzen Jahren verschoben. Nie waren gute Autoren mit einem Blick auf die Besonderheiten unserer Zeit nötiger als heute.

Mach die Augen auf, während du Nachrichten schaust. Hör deinen Kollegen, Freunden und Bekannten zu. Beobachte das Straßenbild, nimm in dich auf, wie sich Passanten verhalten, lausche in Bus und Bahn den Unterhaltungen der anderen Fahrgäste.

Was bewegt die Menschen?

Wonach streben sie?

Wovor haben sie Angst?

Kurze Geschichten bieten dir die Möglichkeit, in konzentrierter Form aktuelle gesellschaftliche, kulturelle und soziale Fragen aufs Papier zu bringen. Je aufmerksamer du als Beobachter bist, um so vielfältiger werden deine Texte.

Die wirklich wichtigen Momente thematisieren

Die Handlung kurzer Geschichten kann ganz unterschiedlich aufgebaut sein. Eine schöne Möglichkeit besteht darin, sich an der Form klassischer Kurzgeschichten zu orientieren.

Zu den wichtigsten Eigenschaften dieser Textform gehört ein unmittelbarer Einstieg, ein Wendepunkt und ein relativ offenes Ende. Die Figuren sollten aus dem Alltagsleben gegriffen sein und das erzählte Geschehen ist einerseits alltäglich, andererseits bedeutungsvoll.

Mit Wendepunkt ist ein Umschlagen vom Glück ins Unglück gemeint. Die Hauptfigur macht eine Erfahrung, die für sie alles oder zumindest vieles verändert, ihr die Augen öffnet und sie zum Umdenken anregt. Zugleich wissen wir als Leser nicht, wie die Sache am Ende tatsächlich ausgeht.

Indem du dich beim Schreiben kurzer Geschichten an dem Format der Kurzgeschichte orientierst, kannst du Sinn und Bedeutung aufs Maximum konzentrieren. Auf sehr kleinem Raum lassen sich wesentliche Fragen unseres menschlichen Daseins auf ganz und gar nicht belanglose Weise thematisieren.

Interessante Figuren ins Licht rücken

Das Figurenarsenal einer kurze Geschichte sollte naturgemäß nicht ausufern. Vielmehr dreht sich meist alles um die Wahrnehmung und das Erleben einer einzigen Figur. Umso wichtiger ist es, dass du diese mit Bedacht wählst.

Halte in deinem Alltag die Augen offen:

  • Welche prägende Erfahrungen könnte der Obdachlose vor dem Kaufhaus heute gemacht haben?
  • Gegen welche inneren Dämonen kämpft der geschniegelte Geschäftsmann im Benz neben dir an der Ampel?
  • Wovon träumt die junge Bäckereifachverkäuferin heimlich, die dir gerade ein Schokocroissant verkauft hat?

Beobachte die Menschen um dich herum. Dichte ihnen bestimmte Lebenshintergründe an. Spüre in dich hinein, was dich besonders fasziniert.

Such dir eine dieser Figuren aus.

Und schreibe eine Geschichte.

Schreiben und Leben miteinander vereinen

Viel zu viele erleben Schreiben und Leben viel zu oft als schreckliches Gegeneinander.

Der Alltag lässt dir zu wenig Zeit zum Schreiben. Die Menschen um dich herum haben zu wenig Verständnis dafür. Deine Geldsorgen setzen dich unter Druck und lassen dir keine Ruhe.

Kurze Geschichten schreiben – hier liegt eine vielfältige Chance, Schreiben und Leben wieder näher zueinander zu bringen.

Erfolgserlebnisse

Richtig gute Geschichten schreiben ist eine Herausforderung. Da du jedoch ohne riesigen Zeitaufwand täglich eine Geschichte schreiben kannst, hast du im Jahr 365 Möglichkeiten zu üben. Und jede fertig gestellte Geschichte ist an sich schon ein Erfolg.

Damit stehen kurze Geschichten im Kontrast zu einem Großprojekt wie einem Roman oder deiner Autobiographie. Anstatt den Berggipfel trotz großer Anstrengungen niemals zu sehen zu bekommen, erklimmst du Tag für Tag erfolgreich einen kleinen Berg.

Diese Erfahrung motiviert dich zu schreiben, anstatt deine schriftstellerischen Ambitionen als weitere Pflicht zu erleben.

Integration in den Alltag wird möglich

Um eine kurze Geschichte zu schreiben brauchst du nicht viel. Eine einzige Idee reicht schon aus. Das kann die vage Vorstellung einer Figur sein, ein winziges Ereignis oder auch nur ein einziger Satz.

Du setzt ja jedesmal von vorne an.

Erschaffst etwas Neues.

Da ist es auch nicht so schlimm, wenn du seit dem letzten Date mit deinem Schreibtisch mit ganz anderen Dingen beschäftigt warst und vielleicht seit Tagen nicht mehr zum Schreiben kamst. Bei der Arbeit an einem Roman sieht das ganz anders aus, diese kann empfindlich gestört werden, wenn dich die Irrungen und Wirrungen des Lebens ein ums andere Mal rausreißen.

Kurze Geschichten machen es möglich, das Schreiben mit mehr Leichtigkeit in deinen Alltag zu integrieren.

Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben

Autobiographisches Schreiben muss nicht immer gleich bedeuten, deine gesamte Lebensgeschichte zu Papier zu bringen. Mit kürzeren Texten ist es dir auf niedrigschwellige Weise möglich, über dich und deine Erfahrungen zu reflektieren.

  • Welche Momente in deiner Kindheit haben dich besonders geprägt?
  • An welcher Stelle ist eine bestimmte Lebensphase zu Ende gegangen?
  • Wo und wann warst du so richtig glücklich?
  • In welcher Situation hast du dich am meisten geängstigt?
  • Was war der Augenblick deines größten Triumphes?

Diese und viele weitere Fragen können dir als Ausgangspunkt dienen. Schreib kurze Anekdoten oder erfinde von deinen eigenen Erlebnissen ausgehend neue Geschichten. Das Schreiben ist damit nicht länger bloß ein Vorhaben, das mühsam ins Leben integriert werden muss. Vielmehr ist es ein Kraft- und Ruhepool, eine Weisheits- und Inspirationsquelle für dein weiteres Leben.

Lockerheit: Wenn es schief geht, ist nicht viel kaputt

Der Erfolg ist beim Schreiben nicht garantiert. Das gilt für das Geschichtenschreiben ebenso wie für das Romanschreiben. Aber wenn eine Geschichte daneben geht ist es nicht so tragisch, während du in dein Romanprojekt vielleich schon Monate oder gar Jahre an Arbeit hineingesteckt hast.

Nutze die Lockerheit, die aus dieser Erkenntnis erwächst.

Schreib deine Geschichten einfach nur so.

Damit bringst du nicht nur Freude und Spaß in dein Kreatives Schreiben zurück, es fällt dir auch leichter am Ball zu bleiben und ihm einen wichtigen Stellenwert in deinem Leben einzuräumen.

Deinen Schreibstil verbessern

Viele Autoren fragen mich nach der einen Sache, die den Profi vom Amateur unterscheidet.

Die Antwort darauf fällt mir leicht und zugleich schwer. Denn einerseits gibt es so viele Details, die einen profesionellen Autor ausmachen. Andererseits ist es vor allem eine Sache: die Arbeitshaltung. Denn die meisten anderen Dingen folgen daraus, unter anderem die Entwicklung deines Schreibstils. Das Schreiben kurzer Geschichten kann hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Experimentierfeld für Sprache

Jedem Anfang wohnt – frei nach Hesse – ein Zauber inne. Dies gilt nicht nur im thematischen Sinn für Geschichten, sondern auch im stilistischen. Probiere dich aus, experimentiere mit Erzählweisen, du hast nichts zu verlieren. Denn selbst, wenn dein Versuch nichts werden sollte, hast du eine weitere wichtige Schreiberfarhung gewonnen.

Du kannst beispielsweise

  • in einem bestimmten Slang erzählen
  • im Stil einer Chatunterhaltung schreiben
  • dir selbst Regeln auferlegen (z.B. keine Adjektive, allegorisch schreiben, nur Hauptsätze)
  • den Stil anderer Autoren nachahmen.

Deiner Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nutze die Kleinform des Geschichtenschreibens, um dich und deine Schreibkunst zu entwickeln.

Themen aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln

Die Themen unserer Zeit sind in den allermeisten Fällen Ansichtssache. Die soziale Schere sieht von oben bedeutend anders aus als von unten. Die Spaltung der Gesellschaft stellt sich von der Mitte aus gesehen anders dar als von rechts oder von links. Und auch über die Aufteilung in rechts und links lässt sich vortrefflich streiten.

In deinen Geschichten kannst du Perspektiven einnehmen, welche nicht vierhundert Seiten lang tragen. Aber vielleicht zwei oder drei. Du kannst dir Sichtweisen erschreiben, die sonst nie zur Sprache kommen, die besonders extrem oder ausgefallen sind. Du kannst all den Ungehörten eine Stimme verleihen und sogar Gegenstände zu Wort kommen lassen.

Um überzeugend aus einer bestimmten Erzählperspektive schreiben, musst du viele Aspekte beachten. Indem du in deinen Geschichten die Erzählperspektive variierst, wirst du langsam aber sicher zum Meister dieses wichtigen Werkzeugs.

Feedback ist relativ leicht zu bekommen

Wie wirken deine Texte? An welcher Stelle funktioniert die Sprache besonders gut? Und wo solltest du nochmals überarbeiten?

Der Austausch mit anderen Autoren bietet dir die Möglichkeit, nicht immer nur mit dir selbst zu tun zu haben. Beim Schreiben werden wir nach und nach betriebsblind. Je länger du dich mit einem Text befasst, um so weniger Abstand hast du dazu. Da hilft es, ein wertschätzendes und konstruktives Feedback zu erhalten.

In Schreibseminaren oder freien Schreibgruppen lest ihr eure Texte vor und diskutiert darüber. Du kannst aber auch gute Freunde, denen du vertraust, um ein Feedback bitten. Oder du entscheidest dich für ein Schreibcoaching.

Es ist bedeutend einfacher, eine qualifizierte Rückmeldung zu kurzen Geschichten zu bekommen als zu einem Buchprojekt. Dies kannst du ja immer nur in Auszügen vorstellen, da wenige die Zeit aufbringen können, hunderte Seiten zu lesen.

Indem du deine Geschichten auch im Austausch mit anderen Autoren voranbringst, kannst du dich schneller weiterentwickeln. Dem häufig so einsamen Handwerk der Schriftstellerei verleihst du damit eine überraschend gesellige Komponente.

Mit kurzen Geschichten Schriftsteller werden

Stellen wir uns vor, du schreibst nicht einfach nur so, sondern du verfolgst einen Traum.

Du möchtest mit deinen Zeilen hoch hinaus. Ein Buch veröffentlichen. Auf Lesereise gehen. In den Bestsellerregalen landen.

Ist da das Schreiben kurzer Geschichten der richtige Weg?

Marktchancen

Die meistverkauften Bücher sind Romane, die Anzahl an Erzählbänden oder Kurzgeschichtensammlungen ist im Vergleich dazu verschwindend gering. Und wenn es dann doch einmal einen erfolgreichen Band mit Geschichten gibt, ist deren Autor bereits etabliert oder aus anderen Gründen berühmt. Als Erstling scheidet eine solche Veröffentlichung damit aus.

Und dennoch kannst du durch das Geschichtenschreiben etwas für deine Marktchancen tun.

Wettbewerbe und Anthologien bieten dir die Möglichkeit literarisch in Erscheinung zu treten. Nicht wenige Autoren wurden auf diese Weise entdeckt, so dass sie ihren Roman bei einem Verlag unterbringen konnten. Und in der Bewerbung für deine Buchveröffentlichung bei einer Agentur oder einem Verlag macht es sich auf jeden Fall gut, die Erfolge mit deinen Geschichten zu erwähnen.

Der Lifestyle eines Schriftstellers

Auch wenn du eigentlich Romanautor werden möchtest, lohnt es sich trotzdem Geschichten zu schreiben. Wenn dir dein Berufs- und Familienalltag nicht genügend Zeit und Raum lässt, die Arbeit an einem längeren Projekt anzugehen, bleibst du so im Schreiben. Auch wenn du faktisch noch ein anderes Leben führst, erlaubt dir das Geschichtenschreiben schon jetzt den Lifestyle eines Schriftstellers:

  • Du sammelst laufend Ideen, egal, was du gerade machst.
  • Du schreibst möglichst täglich.
  • Du wirst Schritt für Schritt besser, indem du dein Repertoire erweiters und dich so professionalisierst.

Paralleltexte schreiben

Das Schreiben kurzer Geschichten kann dich in deiner Arbeit an einem längeren Werk unterstützen. Es hilft dir zum Beispiel dabei, Romanfiguren zu entwickeln oder mit dem autobiographischen Schreiben zu beginnen, ohne gleich einen ganz großen Plan zu entwerfen. In diesem Sinn ist das Geschichtenschreiben auch eine kreative Weise, um auf gute Ideen zu kommen und ein Buchkonzept weiterzuentwickeln.

Deine Entscheidung zu schreiben

Solltest du kurze Geschichten schreiben oder doch lieber einen Roman?

Oder wie wäre es mit deiner Autobiographie?

Das Schönste an diesen Fragen ist, dass du sie nicht zu beantworten brauchst. Denn das eine schließt das andere nicht aus.

Wenn von diesen 15 Gründen nur einer dabei ist, der dich überzeugt, reicht das schon aus. Gib der Sache eine Chance!

Kleiner Tipp: Bewerte nicht bereits nach der ersten Geschichte, was du zu Papier gebracht hast. Konzentrier dich erstmal aufs Schreiben. So gibst du dir eine Chance zu lernen. Nach deiner zehnten kurzen Geschichte kannst du dich und dein Schreiben immer noch hinterfragen.

Habe ich dich überzeugt?

Was spricht für dich dafür kurze Geschichten zu schreiben?

Und was dagegen?

4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo, ich stehe nach zwei Sachbüchern und den Wunsch, auch mal was Kreatives zu schreiben, vor der gleichen Frage. Kurzgeschichten oder Roman? Für Beides hab ich Ideen… Nach dem Lesen des obigen Textes tendiere ich jetzt mehr zu den Kurzgeschichten. Oder doch ein Roman???

  2. Vielen Dank für Deinen tollen Artikel. Er motiviert und ich finde er zeigt, wie ich locker und leicht das Schreiben genießen kann. Nach dem ersten Entwurf meines Romans und einem laufenden Sachbuchprojekt mit einem Schreibkollegen schiele ich auch wieder zu kurzen Geschichten. Als Entspannung und um Spaß zu haben. Wie gehst Du eine kurze Geschichte an? Spontan nach der Idee drauflosschreiben oder planst zu zumindest ein wenig vor?

    Viele Grüße
    Marcus

    1. Lieber Marcus,
      ich mache häufig Ideensammlungen zu einem bestimmten Thema oder einer Methode o.a. Dann schreibe ich gerne mal drauflos. Bei kurzen Geschichten geht das, wie ich finde, besser als bei Romanen.
      Herzliche Schreibgrüße!
      Andreas

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