Kitschalarm! Tappst du beim Schreiben in diese Fallen?

Ja, ich habe es getan! Ich habe begonnen, einen Katzenkrimi zu lesen.

Allerdings bin ich nicht weit gekommen.

Nach wenigen Sätzen habe ich das Buch angewidert zur Seite gelegt. Dabei habe ich überhaupt nichts gegen Katzen. Und gegen Krimis erst recht nicht.

Das Problem ist nur: Ich finde den Text so schrecklich kitschig. Und das ist und bleibt nunmal das Killerargument.

Damit es dir mit deinem Text nicht genauso geht, solltest du lernen, wo die Kitschfallen lauern und wie du ihnen entgehst.

Kitsch – Was ist das eigentlich?

Manch einer hat schon versucht, Kitsch zu definieren. So begreift Theodor Adorno Kitsch als Vorspiegelung von Gefühlen und damit als bloße Parodie künstlerischer Wirkung. Zugleich weist er darauf hin, wie schwierig es sei Kitsch zu definieren.

Kitsch lässt sich auch als Haltung der Eindeutigkeit verstehen, bei der die Zwischentöne fehlen.

Doch lass uns das Kitschproblem einmal funktionalistisch betrachten. Wir wollen mit unseren Geschichten den Leser erreichen, ihm eine Freude bereiten, ihm neue Welten eröffnen. Wir wollen wohl kaum, dass er genervt und angewidert das Buch wieder zuschlägt. Ein Buch ist Kitsch, wenn der Leser es als so abgeschmackt und künstlich empfindet, dass er keine Lust mehr hat weiterzulesen.

Wo Kitschgefahr droht

Falle 1: Ganz originell sein wollen

Nicht besonders originell zu schreiben, dies aber auch überhaupt nicht vorzuhaben, ist nicht weiter schlimm. Es mag nicht besonders interessant sein, es ist aber auch nicht peinlich. Peinlich wird es erst, wenn du versuchst originell zu sein, es dir aber nicht gelingt.
Dies passiert häufig bei Formulierungen, die genutzt werden, um besonders flott zu schreiben. Anstatt das gewöhnliche Wort zu wählen, willst du etwas Besonderes machen. Aus dem Fahrrad wird dann der Drahtesel und aus dem Auto die Kiste oder die Kutsche.

Das Problem daran ist, dass dies vielleicht vor 60 Jahren noch originell war, wenn überhaupt. Heute ist es das jedenfalls nicht mehr.

Ähnliches kann bei Metaphern oder Vergleichen passieren, die so schon tausendfach genutzt wurden. Ihre Lippen schmeckten wie der süßeste Honig ist heute keine besonders einfallsreiche Formulierung mehr, sondern einfach nur platt.

Nenn die Dinge lieber beim Namen. Eine alternative Bezeichnung, die sich besonders witzig geben will, verfehlt ihren Zweck, wenn sie sich in unserer Sprache bereits etabliert hat.

Wenn du auf dieser Ebene deine Originalität wirklich unter Beweis stellen willst, musst du schon etwas Eigenes erschaffen. Hinterfrage deine Texte Satz für Satz. Entferne den kitschigen Sprachmüll und finde einen eigenen Ausdruck.

Falle 2: Anschauliche Redewendungen

Die Steigerung davon, sich mit vermeintlich flotten Ausdrücken um Originalität zu bemühen und daran zu scheitern, liegt beim Verwenden von Redewendungen vor:

Morgen morgen, bloß nicht heute – Lischen Meyer schaltete den Fernseher an.

oder

Ole Sorgfalt ging pünktlich um 6 Uhr aus dem Haus und war mal wieder der erste im Büro. Der frühe Vogel fängt nunmal den Wurm!

Hier bewegen wir uns auf dem Niveau des deutschen Heimatfilms aus den 60er Jahren. Damit scheitern diese Sätze an dem Anspruch, eine lebendige Sprache für die beschriebene Handlung zu finden.

Dies soll nur als Beispiel dienen, so isoliert lassen sich die Sätze natürlich nur im Ansatz beurteilen. Werden sie ironisch verwendet oder passen sie einfach zu den Figuren und ihrem Denken, können Redewendungen durchaus ihren Wert haben.

Falle 3: Bewährte Figurenschablone

Den modernen Roman zeichnet im Gegensatz zur mittelalterlichen Literatur aus, dass wir es mit vielschichtigen Figuren zu tun haben. Sollen diese den Leser fesseln, verfügen sie über innere Konflikte, Abgründe und Widersprüche. Nichts ist langweiliger als eine Figur, die ganz und gar berechenbar ist.

Schon bei der Konstruktion deiner Figuren entscheidest du dich, auf welchem Niveau sich dein Text bewegt. Zwischen Groschenroman und Hochliteratur ist alles möglich. Und möchtest du tatsächlich eine Geschichte zu Papier bringen, die nicht bloß am Bahnhofskiosk verkauft wird, dann sollten deine Figuren nicht allzu schematisch daherkommen.

Führe den Mörder als sympathischen jungen Mann ein. Lass den Lebensretter als unfreundlichen Kauz in die Geschichte treten. So wie echte Menschen sollten auch deine Figuren über unterschiedliche Charakterzüge verfügen. Nur so ist es interessant, ihren Schritten zu folgen.

Falle 4: Standardplots

Nicht nur bei der Figurengestaltung, auch bei der Konstruktion der Handlung kannst du in die Kitschfalle tappen.

Klar, es hat einen gewissen Vorteil, sich an bewährte Erzählmuster zu halten. Und diese funktionieren tatsächlich immer wieder, wie die Heldenreise als Evergreen unter den Romanplots jährlich tausendfach unter Beweis stellt.

Und doch: Du kannst die Macht bewährter Erzählmuster nutzen, ohne alles plump kopieren zu müssen.

Lass dich von typischen Storys inspirieren und mach doch etwas Eigenes daraus! Nichts ist langweiliger als eine Handlung, die absolut voraussehbar ist.

Eine junger Mann, der sich in eine wunderschöne, jedoch unerreichbare Frau verliebt und diese am Ende durch seine Hartnäckigkeit erobern kann, ist einfach bloß Kitsch. Ein junger Mann, der sich in eine hässliche Frau verliebt, die seinen Bemühungen keinen Glauben schenkt, ist vielleicht schon ein wenig origineller.

Doch wie bitte gelingt es nun, diesen Fallen zu entgehen?

Wie du der Kitschgefahr entkommst

Strategie 1: Eine eigene Sprache entwickeln

Um wirklich originell zu schreiben, solltest du zu deiner eigenen Ausdrucksweise finden. Sprachliche Bilder und alternative Bezeichnungen für alltägliche Dinge oder Erfahrungen können deinen Text selbstverständlich bereichern. Doch es sollte dann eben tatsächlich eine einfalltsreiche Audrucksweise vorliegen.

Am besten gelingt es dir durch tägliche Schreibweise, deinen eigenen Stil zu entwickeln. Such die Inspirationsquellen, die dich bereichern, und übe dich darin, beim Schreiben auf den Punkt zu bringen, was genau du meinst.

Strategie 2: Persönlichkeiten entwickeln, keine Schablone

Widme der Konstruktion deiner literarischen Figuren ausreichend Zeit und Aufmerksamkeit. Hilfreich kann es hierfür sein, ihnen Fragen zu stellen und so mit ihnen eine Art Interview zu führen. Statte deine Figuren hier mit inneren Konflikten und Widersprüchen aus, die eine gewisse Dynamik in der Handlung erlauben. Du kannst typische Figurenschablonen als Ausgangsbasis nutzen, doch versuche immerzu etwas Eigenes hinzuzufügen oder sie ironisch zu brechen.

Strategie 3: Lass die Handlung sich entwickeln

Die einfachste Möglichkeit, der Gefahr clichéhafter Plots zu entgehen, liegt darin, nicht von vornherein alles zu planen. Wenn du starke Figuren entwickelt hast, die über eine eigene Persönlichkeit verfügen, kannst du hiervon ausgehend schreiben. Natürlich hilft es, immer mal wieder die Gesamthandlung in den Blick zu nehmen. Du solltest dabei jedoch nicht allzu streng sein. Bleib beim Schreiben flexibel. So erhöhst du die Chance, eine wirklich eigene Geschichte zu erzählen.

Strategie 4: Überarbeiten, Überarbeiten, Überarbeiten

Gerade auf der Wort- und Satzebene lässt sich sprachlicher Kitsch nie ganz vermeiden. Auch dem originellsten Autor, der über eine ganz und gar eigene Sprache verfügt, wird es ab und an passieren, dass er in die Kitschfalle tappt.

Solange du weißt, wie du da wieder herauskommst, ist das auch nicht weiter schlimm.

Das Zauberwort heißt: Überarbeitung. Nimm deinen Text unter die Lupe. Ist deine Ausdrucksweise wirklich treffend? Halten deine Sprachbilder dem Originalitätscheck stand?

Ausnahmen und Einschränkungen

Die genannten Kitschfallen sind nicht allzu dogmatisch zu sehen. Es geht um den Gesamtzusammenhang, im konkreten Fall können die genannten Gefahren durchaus auch passende Stilmittel oder hilfreiche Schreibwerkzeuge sein. Stell dir folgende Fälle vor:

  • Eine Figur ist von ihrer Lebenseinstellung her ganz und gar einfach gestrickt. Sie denkt in Redewendungen und Clichés. Wenn du diese Figur sprechen lässt, kann sie dies auf ganz und gar kitschige Weise tun, ohne dass dadurch dein Text als ganzer kitschig werden muss.
  • Über die Figurenrede hinaus gilt ähnliches auch für die Erzählweise. Wenn dein Text aus der Perspektive einer Figur geschrieben ist, die eine kitschige Sicht auf das Leben hat, wird auch die Schilderung von sprachlichen Stereotypen durchsetzt sein. Ist dies ein ganz bewusstes Vorgehen, das die Denkweise deiner Figur vorführen soll, solltest du Wege finden, dies kenntlich zu machen. Durch einen Perspektivwechsel könnte diese Schreib- und Denkweise z.B. kontrastiert werden.
  • Du kannst auch Standardplots und Stereotypen nutzen, ohne am Ende einen kitschigen Text abzuliefern. Begreife sie einfach als Ausgangsbasis und entwickle während des Schreibens etwas Eigenes. Geh also kreativ mit den Vorgaben um. Lerne die Plotregeln kennen, um sie am Ende gekonnt zu brechen.

Kitsch kann also auch ganz bewusst genutzt werden. Doch Vorsicht vor dem Kippmomnet, bei dem Ermüdung oder ein Gefühl des Widerwillens beim Leser wahrscheinlich wird.

Reflektiere die kitschigen Aspekte deines Textes, entwickle etwas Neues aus ihnen oder ironisiere das Ganze!

Fazit: Viel schreiben, viel lesen

Das beste Mittel gegen Kitsch beim Schreiben ist immer noch, ein Gefühl für die eigene Sprach- und Ausdrucksweise zu entwickeln. Doch dies kommt nicht von heute auf morgen. Dafür benötigst du Zeit.

Wichtig ist es, deine Entwicklung zur ganz eigenen Ausdrucks- und Erzählweise nicht zu blockieren. Vielmehr solltest du sie unterstützen, indem du viel liest und vor allem viel und regelmäßig schreibst.

Lass beim Schreiben auch Kitsch zu. Lerne aber, spätestens in der Überarbeitung, daraus einen wirklich eigenen, eigenwilligen Text zu formen.

Und was ist Kitsch für dich?

8 Kommentare, sei der nächste!

    1. Oh ja, lieber Emil,
      das ist ein wichtiger Hinweis! Wobei „einfalltsreich“ einen gewissen unfreiwilligen Humor mit sich bringt. Denn es ist ja gerade das Gegenteil gemeint, die Vielfalt ist gefragt, um auf einmalige Ideen zu kommen, nicht die Einfalt. Vielen Dank für das Gemeinschaftslektorat 🙂
      Andreas

  1. Kitsch, ja was ist das wirklich. Ich glaube das ist Ansichtssache. Die Gartenzwerge zeigen das ja deutlich, ich stelle die mir nicht in den Garten, ein Igel wäre willkommen.
    Beim Schreiben? Vielleicht achte ich mal drauf, aber ich plane wenig, vielleicht wie es weitergeht, der grobe Plot, aber ob ich mal kitschig bin?
    Ja, ich habe eine beginnende Liebe in meinem ersten beiden Büchern, das fand eine „Frau“ sogar blöd, was ich nun wieder nicht ganz verstehe. Aber was soll´s, man mag es oder man mag es nicht.
    Ich schreibe weil ich muss, jetzt auch will, aber es fließt heraus, nicht erlernt, Gott sei Dank, was Reporter oft für einen Mist schreiben, sachlich: Fahrgast kletterte auf einen Zug. Zu sehen ist ein ICE, wie macht man das? Ich hätte keine Idee, auch nicht wie man auf eine Lok eines ICE´s käme und wie der Lokführer das bemerkt, das da einer dranhängt oder wie der Zugführer bremsen will, außer mit der Notbremse und der Lokführer macht immer eine Schnellbremse in Notfällen. Hier sieht man Ahnungslosigkeit, Unsachlichkeit, das sollte man sicher vermeiden. Aber würdest du ein Buch über das Leben eines Lokführers schreiben?
    Gut Kitsch, meine Figuren leben im Heute und Jetzt, sind meisten auch keine 20 mehr und reden schon mal so.
    „Komm essen!“ „Keine Lust, ist mir jetzt zu weit.“ Oder. „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ „Richtig, aber ich habe kein Eisen, kein Feuer, keinen Hammer, oh halt, den doch manchmal. Aber der taugt nicht zum Schmieden.“
    Am Ende muss das jeder selbst entscheiden. Sex beschreibe ich nicht, „Nun tun sie das, was leibende manchmal tun.“ Im Gegensatz zu einer Kollegin, die die Penetration auch noch beschreibt. Aber das muss jeder selbst wissen. Übrigens, danke, am Ende lässt du mich, uns, doch wie wir sind. Ein Schreiblernbüchlein endet auch so. Und das ist gut so,
    liebe Grüße Frank
    Ach mein drittes Buch ist „On Air“, vielleicht gibt es ja was zu „meckern“.

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